Das IEF bietet neu auch hypnosystemische Therapie, Beratung und Supervision an. Peter Hain äussert sich im folgenden Gespräch über Geschichte, Relevanz und Potential des hypnosystemischen Ansatzes und über seine Pläne als neuer Bereichsleiter am IEF.
Die Zeit ist reif für den hypnosystemischen Ansatz
Peter Hain, Du bist der neue Bereichsleiter für hypnosystemische Therapie, Beratung und Supervision, die zukünftig am IEF angeboten werden. Weshalb ist dieser Ansatz aus Deiner Sicht eine relevante und zukunftsorientierte Entwicklung?
Nach meiner Erfahrung bietet der hypnosystemische Ansatz heute die beste Möglichkeit, erfolgreiche Therapie- und Veränderungsverläufe zu beschreiben und zu erklären. Die historische Entwicklung der modernen Hypnotherapie wie auch der meisten systemischen Ansätze geht auf die Arbeit des Psychologen und Psychiaters Milton H. Erickson zurück. Im hypnosystemischen Ansatz ergänzen sich die systemischen (Weiter-)Entwicklungen und die hypnotherapeutische Therapie optimal. Kurz gesagt: Die Hypnotherapie kennt den Stoff, aus dem die Symptome und Veränderungen gemacht sind, die Systemtherapie das Feld, auf dem sie wachsen.
Das sind wichtige Aussagen zur Beschreibung und Erklärung von Klienten und ihrer Symptomatik. Uns interessiert aber auch das Potenzial des therapeutischen Handelns. Was ist das Spezifische am Interventionsrepertoire? Wie kann der hypnosystemische Ansatz die bisherige Systemtherapie bereichern?
Das wichtigste ist und bleibt die therapeutische Grundhaltung, wie sie bereits von Milton Erickson – und bezeichnender Weise auch von Carl Rogers – beschrieben wurde, als eine unbedingte Wertschätzung für die Person und den Kontext, verbunden mit einer ressourcenorientierten Würdigung der Problematik oder Symptomatik. Im Weiteren wäre das Erkennen und bewusste Nutzen von Trance-Zuständen ebenso zu nennen wie der bewusstere Umgang mit der Suggestivität von Sprache und nonverbalen Botschaften bis zum gezielten Einsatz indirekter Suggestionen. Darüber hinaus werden Dissoziation, Assoziation und Integration – auch wenn sie Teil der Symptomatik sind – als strukturelle Fähigkeiten begriffen und für die Veränderungsprozesse nutzbar gemacht.
Wenn wir die gesamte heutige Therapie- und Beratungswelt beobachten: Was können Psychotherapeutinnen anderer Ausrichtung, Coaches, Mediatorinnen und Teamentwickler daraus übernehmen und in ihre Arbeit integrieren?
Die erwähnte klientenzentrierte Haltung, welche Symptomatik und Problematik als Kompetenzen würdigt und so für die Veränderung nutzt, kann auch in nicht-therapeutischen Kontexten angewandt werden: Jede Verhaltensweise eines Teammitglieds oder eines Medianten kann in gleicher Weise als Lösungsversuch gewürdigt und als Ressource genutzt werden. Weitere Punkte sind der bewusstere Umgang mit Suggestion und metaphorischer Kommunikation. Jede Aussage lässt nicht nur inhaltlich, sondern auch durch ihre Wortwahl sowie durch ihre non- und paraverbalen Anteile auf unbewusste Prozesse schliessen. Und umgekehrt können auch in diesen Kontexten gezielte indirekte Botschaften und Suggestionen eingesetzt werden.
Und wie begegnest du den Bedenken, Hypnotherapie sei manipulativ?
Als Therapeuten sind wir den Bedürfnissen und Anliegen unserer Klienten verpflichtet. Daher sollten wir auch auf der suggestiven Ebene so kompetent und effektiv wie möglich intervenieren. Therapeuten, Berater, aber auch Ärzte können nicht „nicht beeinflussen“! Ich halte es für besser, möglichst kompetent und bewusst zu beeinflussen, als scheinbar unbeabsichtigt und zufällig. Im Übrigen heisst „manipulare“ wörtlich übersetzt: kunstvoll handhaben.
Die Hypnosystemische Tagung 2010 war die erste Konferenz zu dieser Thematik im deutschsprachigen Raum, obwohl Gunther Schmidt den Begriff bereits vor 20 Jahren geprägt hat. War die Zeit nicht reif oder dauert die Verbreitung eines neuen Ansatzes einfach so lange?
Sicher war es höchste Zeit, diesem Ansatz eine Tagung zu widmen und nach dem äusserst positiven Echo folgt nun im Juni 2012 die zweite. Weil es sich hier um einen schulenübergreifenden Ansatz handelt, der sich integrativ entwickelte, war und ist er kein lohnendes Produkt für den schnell wechselnden und in erster Linie an Profilierung und am Profit orientierten Psychomarkt. Oder mit anderen Worten: Es gab keine wirtschaftliche Notwendigkeit, den Ansatz rasch publik zu machen, da die Initiatoren bereits zuvor reichlich Anerkennung und Klientel besassen.
Zum Schluss eine Frage, die uns natürlich besonders unter den Nägeln brennt: Wie soll der hypnosystemische Ansatz unter Deiner Bereichsleitung am IEF konkret umgesetzt werden?
Der hypnosystemische Ansatz kann als Grundhaltung in allen Weiter- und Fortbildungsangeboten integriert werden. In einem ersten Schritt werden einige bereichsübergreifende Angebote mit international ausgewiesenen Fachleuten, die auch an der 2. Hypnosystemischen Tagung in Zürich präsent sein werden, ins Programm aufgenommen. Neben Einzelseminaren werden zwei- bis dreiteilige Seminarreihen zu aktuellen Themen angeboten: z.B. hypnosystemische Arbeit mit Trauer und Verlust oder Selbstorganisation und Selbstmanagement.

