Ich kann mich noch gut an den ersten ganzen Video-Kurstag von 9 bis 17 Uhr erinnern. Ich war zuerst skeptisch, das hat dann aber sehr gut geklappt. Unser Dozent, Mirko Zwack, hat den Tag sehr abwechslungsreich und klar gestaltet. Die Gruppe hatte sich zuvor schon «live» kennengelernt, insofern hat das bestens geklappt. Wobei ich sagen muss, dass wir am
IEF auch Weiterbildungsgänge hatten, da hat sich die Gruppe bisher «nur» via Video kennengelernt, und auch das hat gruppendynamisch hervorragend funktioniert.
Was ist anders, wenn wir nicht physisch im gleichen Raum zusammen sind und gemeinsam lernen?
Wenn ich an die ganze Weiterbildung zurückdenke, so bleibt mir der sonnige Vormittag damals in der Bäckeranlage in lebhafter Erinnerung. Das Erleben ist stark an das Miteinander geknüpft. Punkto Lerneffekt habe ich nicht das Gefühl, dass es einen Unterschied gibt, ob der Unterricht in Präsenz oder via Video stattgefunden hat. Entscheidend ist, dass ich an den Stoff anknüpfen kann, und das geschieht unabhängig vom Medium.
Wenn du im gleichen Raum bist, bekommst du von deinem Gegenüber schon mehr mit. Bei den Gruppenübungen gelang es zum Teil gut, das Gefühl zu bekommen, zusammen in einem Raum zu sein. Schön war es in den Videoseminaren auch, wenn es gelang, die Ebenen zu verbinden und das Analoge in den digitalen Raum einzubauen, zum Beispiel in Form einer System-Aufstellung mithilfe von Objekten, die gerade zur Hand waren.
Macht sich nicht langsam auch ein Überdruss in Bezug auf die digitalen Lernmittel breit?
Zu Beginn war die Freude der Studierenden, dass die Weiterbildungen trotz Lockdown weitergeführt werden konnten, sicher grösser als jetzt. Einen Überdruss haben wir bisher nicht festgestellt. Die aktuelle Haltung lässt sich vielleicht so umschreiben: «Es ist, wie es ist. Machen wir das Beste daraus.» Die Seminare über Video verlangen von allen viel Disziplin und Konzentration. Das kostet Energie, die vielleicht den Gewinn, dass wir nicht zum Lernort pendeln müssen, gerade wieder auffrisst.
Nun hören wir oft, dass sich unsere Teilnehmenden sehr darauf freuen, sich irgendwann wieder vor Ort richtig zu treffen. Es ist schon auch schön, ans IEF zu kommen. Du bist an einem angenehmen Ort und weder im Trubel zu Hause noch bei der Arbeit. Es gibt Rituale, zum Beispiel die Pause mit Kaffee und Gipfeli. Es ist eine vertraute Atmosphäre und du siehst deine Gruppe wieder.
Ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch.
Das Gespräch mit Anna Gunsch wurde Anfang Januar 2021 geführt und ist publiziert im IEF-Magazin Nr. 12, Frühling 2021.