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Psychotherapie · 9. Februar 2026

«Das Tier trägt keinerlei therapeutische Verantwortung.»

Die Psychotherapeutin Mélanie Tripod arbeitet mit ihrem Hund Rio als Mensch-Hund-Team. Im Gespräch mit IEF-Vorstandsmitglied Martin Engel erklärt sie, wie dieses Team funktioniert, wie ein Hund therapeutisch eingesetzt werden und mitwirken kann.

«Das Tier trägt keinerlei therapeutische Verantwortung.», Mélanie Tripod, IEF Zürich

Mélanie, du beziehst seit ein paar Jahren deinen Hund – einen sogenannten Retromops – in die therapeutische Arbeit mit ein. Was waren deine ersten Berührungspunkte mit tiergestützter Therapie?

In der sysTelios Klinik, wo ich seit vielen Jahren arbeite, war die tiergestützte Therapie immer wieder als Thema im Raum und es gab Tiere, die beiläufig dazugehörten, auch wenn sie nicht explizit im Konzept verankert waren. Für Klient:innen waren sie oft ein wichtiger Bestandteil des Aufenthaltes. Das fand ich interessant. Als ich dann selbst meinen Hund Rio in die Klinik mitnahm, wurde ich oft angesprochen, auch von Klient:innen aus anderen Gruppen, und es entstanden spannende Gespräche. Die Menschen vertrauten mir schnell Dinge an und erzählten von eigenen Erfahrungen mit Tieren. Dies zeigt, wie wichtig Tiere für manche Menschen sind. In der systemischen Therapie fragen wir nach dem sozialen Umfeld der Klient:innen und haben hauptsächlich die Menschen im Fokus. Ich habe angefangen, auch explizit nach Bezugstieren zu fragen, weil sie oft wichtige Ressourcen der Menschen sind, manchmal sogar die wichtigsten.

Wie wird ein Hund zum Therapiehund?

Das ist eine spannende Frage. In meiner tiergestützten Therapieweiterbildung habe ich gelernt, dass es eigentlich so was wie einen Therapiehund – oder ein sonstiges Therapietier – gar nicht gibt. Deshalb wird dort der Fokus auf die Mensch-Hund-Beziehung gelegt und man spricht von einem Therapiebegleithund. Die Therapie kann ja immer nur durch eine fachlich ausgebildete Person stattfinden. Wenn ein Hund mit im Raum ist, verändern sich das Therapiesystem und die Interaktionen. Es geht darum, auch das, was dann im Zusammenhang mit dem Hund passiert, im Rahmen der Sitzung therapeutisch zu nutzen. Das ist meine Aufgabe. Das Tier trägt keinerlei therapeutische Verantwortung.

Wie können wir uns eine Weiterbildung zum Mensch-Hund-Team vorstellen?

Vorweg möchte ich sagen, dass es sich lohnt, die verschiedenen tiergestützten Weiterbildungen genau zu prüfen. Der Markt ist nicht reguliert und da wird alles Mögliche als tiergestützte Therapie (-weiterbildung) angeboten. Mir gefiel in meiner Weiterbildung besonders, dass der Fokus auf die Beziehung und das Wohl des Tieres gelegt wird. Es geht nicht darum, dass der Hund irgendwelche Tricks vorzeigt. Viele unserer Klient:innen kennen diverse, teilweise auch problematische Facetten der Leistungsorientierung aus ihrem Leben, die oft im Verlauf der Therapie zum Thema werden. Es kann dann zum Beispiel darum gehen, dass sie ihren Wert kennenlernen, auch ohne etwas zu leisten. Wenn sie dann parallel erleben würden, dass der anwesende Hund sehr wohl für seine Leistung belohnt wird und Erwartungen zu erfüllen hat, wäre es doch eine ambivalente Geschichte und zu Recht wären die Klient:innen dann skeptisch. Es geht also darum, die Beziehung in den Mittelpunkt zu stellen, und da will ich als Therapeutin auch ein Modell sein. Zudem ist ein Tier kein Objekt, sondern ein Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen, die manchmal nicht zu den Bedürfnissen der Klient:innen oder meinen passen. Zu lernen, mit diesen Diskrepanzen umzugehen, war auch ein wichtiger Teil der Weiterbildung. Es ist eigentlich wie im Mehrpersonensetting, in dem man eben alles im Blick behält. Wobei es für mich den Zusatz gibt, dass Rio es sich ja nicht ausgesucht hat, mit mir im Therapieraum zu sitzen, und ihn auch nicht eigenständig verlassen kann. Deshalb ist es mir als Bezugsperson wichtig, die Signale meines Hundes schnell zu erkennen, ernst zu nehmen und notfalls auch über die Bedürfnisse der Klient:innen zu stellen.

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«Es scheint eine Art tiefes Bedürfnis zu geben, mit Tieren zu interagieren.»
Mélanie Tripod

Was macht Rio zu einem guten Therapiebegleithund?

Objektiv betrachtet ist Rio wohl ein eher ungeeigneter Therapiebegleithund. Er ist manchmal wild, unangepasst und mässig interessiert an intensiven Menschenkontakten mit weniger vertrauten Personen. Aber genau dieses «Unpassende» macht ihn aus meiner Sicht zu einem wiederum sehr geeigneten Therapiebegleithund. Zum einen erkennen sich viele Klient:innen in ihm wieder. Auch sie fühlen sich teilweise «unpassend» oder nicht der Norm entsprechend. Sie erleben in meinem Praxisraum, wie auch das liebenswürdig und erfrischend sein kann. Sie beobachten auch sehr genau, wie ich mit ihm interagiere. Wie gehe ich damit um, wenn Rio nicht das tut, was ich von ihm erwarte? Das kann vertrauensbildend und perspektivenerweiternd sein. Zudem lässt sich Rios Art therapeutisch sehr gut utilisieren.

Was heisst das konkret? Was macht Rio in der Therapie?

Rio macht nichts anderes als daheim oder sonstwo. Therapeutisch ist aus meiner Sicht das Prinzip der Utilisation und der Bedeutungsgebung interessant. Ersteres bedeutet, dass ich alles, was er tut, utilisieren kann. Je schräger sein Verhalten, desto einladender ist es für mich, dies zu nutzen. Einige seiner Verhaltensweisen könnte man teilweise sogar als «störend» erleben, da er nicht immer nur im Halbschlaf brav auf seiner Decke liegt. Ob sein Verhalten aber als Störung erlebt wird, hängt davon ab, was daraus gemacht wird, und das ist ja ein hypnosystemischer Gedanke. Wenn ich es aufgreife und daraus eine Brücke zu den Klient:innen baue, dann entstehen spannende Prozesse. Dieser Transfer ist allerdings wichtig, sonst irritiert es nur. Man könnte ressourcenorientiert auch sagen: Rio beteiligt sich aktiv an den Sitzungen, er weiss, was er will, und ist zudem meinungsstabil. Sind das nicht sehr wertvolle Eigenschaften? Oft frage ich die Klient:innen, was sie denken, warum er gerade tut, was er tut. Da ist der Konstruktivismus relevant. Denn die Menschen konstruieren sich dann ja eine mögliche Bedeutung, die eben sehr viel mehr über sie aussagt als über Rio.

Kannst du ein Beispiel geben?

Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Klientin, die sehr oft wütend war. Das erlebte ich als herausfordernd, um auch auf andere Emotionen zu sprechen zu kommen. Wenn Rio dabei war, war sie aber ganz vorsichtig und sprach ganz sanft und leise. Sie erklärte, dass sie Rio nicht erschrecken wollte. In dem Moment war es ihr möglich, sich zu regulieren, weil Rio ihr wichtig war. Das könnte man auch Selbstwirksamkeit nennen. Ich erinnere mich, dass Rio plötzlich im Verlauf einer Sitzung aufstand. Ich fragte sie, was sie denke, was er damit bezwecken wolle. Da sagte sie mir, er habe wohl gemerkt, dass sie gerade traurig sei. Ob Rio tatsächlich aus diesem Grund aufgestanden war, ist gut möglich, aber nebensächlich. Therapeutisch hilfreich war die Information: Die Klientin hatte selbst erkannt, dass sie traurig war. Das gelang ihr dadurch, dass sie Rios Perspektive eingenommen hatte. So konnten wir uns danach mit der Trauer beschäftigen.

Was würdest du sagen, macht die Wirkung von Rio aus?

Wenn Klient:innen schon im Warteraum von Rio schwanzwedelnd begrüsst werden, dann ist es schwierig, sich von der Energie nicht anstecken zu lassen. Oft lockert es das Therapiesetting zwischendurch auf und bringt neue Perspektiven ein. Grundlage aller Wirkungen ist aber aus meiner Sicht immer die Beziehung. Menschen pflegen seit Tausenden von Jahren Beziehungen zu Tieren. Wofür eigentlich?! Es scheint eine Art tiefes Bedürfnis zu geben, mit Tieren zu interagieren, zu kooperieren und sich dadurch womöglich auch der Natur näher zu fühlen. Wenn Klient:innen mit Rio in Beziehung gehen, dann wirkt das auch auf dieser tiefen Ebene. Es kann zudem auch ein mögliches Netzwerk mit einer Tiererfahrung reaktiviert werden. Das Netzwerk kann allerdings auch ein negativ behaftetes sein. Wenn die Person aber erfreuliche Beziehungserfahrungen mit einem Tier gemacht hat, dann kann die Anwesenheit von Rio dieses Erfahrungsrepertoire aktivieren und stabilisierend wirken. Davon profitiert der therapeutische Prozess.

«Ob sein Verhalten als Störung erlebt wird, hängt davon ab, was daraus gemacht wird.»
Mélanie Tripod

Ich erlebe auch, dass es für manche Menschen schneller möglich ist, mit Rio in Kontakt zu gehen als zu mir. Vielleicht haben sie schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht, oder das Therapiesetting ist erst mal verunsichernd. Da kann Rio eine grosse Hilfe sein. Sie beobachten genau, wie Rio und ich miteinander interagieren. Diese Beziehung können sie dann übertragen. Ich werde sozusagen zum «Anhang» von Rio: Wenn Rio mir vertraut, wenn er den Rahmen als sicher genug empfindet, dann kann es nicht so schrecklich sein. Umgekehrt habe ich auch schon erlebt, dass Menschen wenig Bezug zu Tieren haben, aber im Verlauf der Therapie eine neue Facette von sich kennenlernen, weil sie Freude an Rio entwickeln, einfach dadurch, dass er oft dabei ist und irgendwie zum geschützten Therapiesetting gehört. Auch das kann bereichernd sein.

Ganz praktisch ist, dass Menschen den Tieren gewisse Eigenschaften zuschreiben, dass sie zum Beispiel nicht wertend, authentisch oder feinfühlig seien. Das heisst, sie haben bestimmte Erwartungen, wie ein Hund «ist», und deuten die Beiträge entsprechend unter diesem Aspekt. Wenn Klient:innen beispielsweise in einer Negativspirale gefangen sind und ich zirkulär frage, was Rio wohl dazu sagen würde, dann kommen oft ganz wertschätzende, lösungsorientierte Aspekte dazu, eben aus einer wertfreien, authentischen und feinfühligen Position heraus. Diese Ideen kommen aber tatsächlich aus den Klient:innen heraus und haben oft viel mit der Lösung zu tun. Das wirkt dann anders, als wenn ich als Therapeutin die gleichen Ideen von aussen einbringen würde.

«Das Tier trägt keinerlei therapeutische Verantwortung.», Mélanie Tripod, IEF Zürich
«Wie gehe ich damit um, wenn Rio nicht das tut, was ich von ihm erwarte?»
Mélanie Tripod

Gibt es auch Beispiele, bei denen die Anwesenheit von Rio nicht hilfreich war?

Mir ist wichtig, meine Klient:innen im Vorhinein zu fragen, ob es okay ist, wenn Rio dabei ist, denn sie sollten die Wahl haben. Nicht jede:r mag Hunde. Wie oben genannt, ist es manchmal herausfordernd, die verschiedenen Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen. Ein häufiges Thema ist das Bedürfnis der Klient:innen, Rio zu streicheln und zu knuddeln. Wenn Rio das nicht will, dann soll er dafür auch nicht hinhalten müssen und ich schütze ihn auch. Es kann vorkommen, dass Klient:innen enttäuscht sind. Auch das können wir direkt utilisieren, indem wir reflektieren, was gerade passiert. Oft werden so Muster, Sehnsüchte oder Gefühle aus dem Leben der Klient:innen deutlich. Das meinte ich vorhin mit der Transferleistung, die von mir kommen muss, sonst ist es einfach nur eine losgelöste Aktion.

Das Schöne am prozessorientierten Arbeiten ist ja, dass kaum etwas schiefgehen kann, sofern wir «Irritationen» bemerken, als wichtige Information ernst nehmen und nutzen. Wenn Rio im späteren Verlauf doch an Streicheleinheiten interessiert ist, ist es für die Menschen oft umso schöner. Vielleicht auch weil sie merken, dass er von sich aus den Kontakt sucht und nicht gezwungen oder mit einem Leckerli gelockt wird. Um zur Frage zurückzukehren: Es kommt auch oft vor, dass Rio ganz unspektakulär und beiläufig dabei ist und er nicht explizit zum Thema wird. Aber auch dies kann wirksam sein, indem seine Anwesen- heit beruhigend, stabilisierend oder «erdend» wirkt. Im schlimmsten Fall macht er einfach keinen Unterschied.

Mélanie Tripod

Mélanie Tripod ist eidg. anerkannte Psychotherapeutin, Hypnotherapeutin und systemische Supervisorin. Sie arbeitet an der sysTelios Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Siedelsbrunn im deutschen Odenwald sowie in Zürich in freier Praxis. Am IEF ist sie Co-Bereichsleiterin «Systemische Psychotherapie.

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