Was macht Rio zu einem guten Therapiebegleithund?
Objektiv betrachtet ist Rio wohl ein eher ungeeigneter Therapiebegleithund. Er ist manchmal wild, unangepasst und mässig interessiert an intensiven Menschenkontakten mit weniger vertrauten Personen. Aber genau dieses «Unpassende» macht ihn aus meiner Sicht zu einem wiederum sehr geeigneten Therapiebegleithund. Zum einen erkennen sich viele Klient:innen in ihm wieder. Auch sie fühlen sich teilweise «unpassend» oder nicht der Norm entsprechend. Sie erleben in meinem Praxisraum, wie auch das liebenswürdig und erfrischend sein kann. Sie beobachten auch sehr genau, wie ich mit ihm interagiere. Wie gehe ich damit um, wenn Rio nicht das tut, was ich von ihm erwarte? Das kann vertrauensbildend und perspektivenerweiternd sein. Zudem lässt sich Rios Art therapeutisch sehr gut utilisieren.
Was heisst das konkret? Was macht Rio in der Therapie?
Rio macht nichts anderes als daheim oder sonstwo. Therapeutisch ist aus meiner Sicht das Prinzip der Utilisation und der Bedeutungsgebung interessant. Ersteres bedeutet, dass ich alles, was er tut, utilisieren kann. Je schräger sein Verhalten, desto einladender ist es für mich, dies zu nutzen. Einige seiner Verhaltensweisen könnte man teilweise sogar als «störend» erleben, da er nicht immer nur im Halbschlaf brav auf seiner Decke liegt. Ob sein Verhalten aber als Störung erlebt wird, hängt davon ab, was daraus gemacht wird, und das ist ja ein hypnosystemischer Gedanke. Wenn ich es aufgreife und daraus eine Brücke zu den Klient:innen baue, dann entstehen spannende Prozesse. Dieser Transfer ist allerdings wichtig, sonst irritiert es nur. Man könnte ressourcenorientiert auch sagen: Rio beteiligt sich aktiv an den Sitzungen, er weiss, was er will, und ist zudem meinungsstabil. Sind das nicht sehr wertvolle Eigenschaften? Oft frage ich die Klient:innen, was sie denken, warum er gerade tut, was er tut. Da ist der Konstruktivismus relevant. Denn die Menschen konstruieren sich dann ja eine mögliche Bedeutung, die eben sehr viel mehr über sie aussagt als über Rio.
Kannst du ein Beispiel geben?
Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Klientin, die sehr oft wütend war. Das erlebte ich als herausfordernd, um auch auf andere Emotionen zu sprechen zu kommen. Wenn Rio dabei war, war sie aber ganz vorsichtig und sprach ganz sanft und leise. Sie erklärte, dass sie Rio nicht erschrecken wollte. In dem Moment war es ihr möglich, sich zu regulieren, weil Rio ihr wichtig war. Das könnte man auch Selbstwirksamkeit nennen. Ich erinnere mich, dass Rio plötzlich im Verlauf einer Sitzung aufstand. Ich fragte sie, was sie denke, was er damit bezwecken wolle. Da sagte sie mir, er habe wohl gemerkt, dass sie gerade traurig sei. Ob Rio tatsächlich aus diesem Grund aufgestanden war, ist gut möglich, aber nebensächlich. Therapeutisch hilfreich war die Information: Die Klientin hatte selbst erkannt, dass sie traurig war. Das gelang ihr dadurch, dass sie Rios Perspektive eingenommen hatte. So konnten wir uns danach mit der Trauer beschäftigen.
Was würdest du sagen, macht die Wirkung von Rio aus?
Wenn Klient:innen schon im Warteraum von Rio schwanzwedelnd begrüsst werden, dann ist es schwierig, sich von der Energie nicht anstecken zu lassen. Oft lockert es das Therapiesetting zwischendurch auf und bringt neue Perspektiven ein. Grundlage aller Wirkungen ist aber aus meiner Sicht immer die Beziehung. Menschen pflegen seit Tausenden von Jahren Beziehungen zu Tieren. Wofür eigentlich?! Es scheint eine Art tiefes Bedürfnis zu geben, mit Tieren zu interagieren, zu kooperieren und sich dadurch womöglich auch der Natur näher zu fühlen. Wenn Klient:innen mit Rio in Beziehung gehen, dann wirkt das auch auf dieser tiefen Ebene. Es kann zudem auch ein mögliches Netzwerk mit einer Tiererfahrung reaktiviert werden. Das Netzwerk kann allerdings auch ein negativ behaftetes sein. Wenn die Person aber erfreuliche Beziehungserfahrungen mit einem Tier gemacht hat, dann kann die Anwesenheit von Rio dieses Erfahrungsrepertoire aktivieren und stabilisierend wirken. Davon profitiert der therapeutische Prozess.