Was können wir tun?
Ihr tut ohnehin unendlich viel, seit langem. Es gab zum Beispiel ausländische Kolleginnen und Kollegen, die die akute Bedrohung sehr viel früher erkannt hatten, und die keinen Zweifel hatten, dass es zu diesem großen «Volleingriff» kommen würde. Wir hatten viele gemeinsame Seminare, haben uns über Ideen und Methoden ausgetauscht, insbesondere natürlich in diesen Bereichen, die dann im Krieg besonders betroffen sind, nämlich Traumatherapie. Zum Beispiel mit den israelischen Kolleginnen arbeiten wir schon seit Jahren zusammen, seit 2014, seit die Krim annektiert wurde und bei uns dieser unbemerkte Krieg, der Krieg, der woanders kaum wahrgenommen wurde, angefangen hat.
Diese Gewöhnung an den Krieg, die Sie vorhin beschrieben haben, das sehen wir hier in der Schweiz in einer anderen Form auch. Die Aufmerksamkeit für den Krieg in der Ukraine geht zurück. Wie schaffen wir es, dieser Gewöhnung bei uns entgegenzutreten?
Das sind jetzt schon zwei sehr verschiedene Dinge. Bei uns ist die Anpassung eine existenzielle Strategie, denn man kann ja nicht ewig in Ungewissheit leben und das Leben auf Pause stellen und sagen, jetzt setzt das Leben aus und wenn es zu Ende ist, dann fangen wir wieder an zu leben. Das war am Anfang so, mehrere Monate vielleicht. Und als die Einsicht kam, dass es ein Krieg, ein Zustand von einer wirklich unbestimmten und vielleicht unbestimmbaren Dauer ist, dann hat man gesehen, dass man irgendwie weiterleben muss. Das heisst, die Menschen heiraten, sie lassen sich scheiden, sie bekommen Kinder, die Kinder werden ausgebildet in der Schule, die Kinder tanzen, die Künstler malen, singen und schreiben und der Staatsapparat funktioniert einigermaßen. Das nenne ich bei uns diese Anpassung.
Was Sie meinen, ist wahrscheinlich etwas anderes: Was zu lange dauert, das wird weniger interessant und aufregend. Dazu kommt noch ein neues Phänomen: One battle after another. Ein Krieg wird von einem anderen Krieg überschattet. Der Krieg gegen den Iran hat auch zur Auswirkung, dass unser Krieg sozusagen verdrängt oder vergessen wird.
Es gibt Prozesse, die einfach mit der Zeit und mit der Dauer zu tun haben, wogegen man relativ wenig ausrichten kann. Aber ich würde auch nicht in totale Skepsis verfallen. Ich würde wieder aufnehmen, was Freud sagte: «Erinnern. Wiederholen. Durcharbeiten. – Erinnern. Wiederholen. Durcharbeiten.» Ja, das braucht es immer wieder.
Aber auch dieser Krieg hier liefert immer wieder Gelegenheiten und Anlässe. Wenn es besonders schlimm wird, wenn wieder 50 Personen mit einem Schlag getötet werden, dann facht das die Aufmerksamkeit wieder kurz an. Oder wenn ein Außenminister nach Kiew kommt oder…
.. oder wenn ein Online-Seminar stattfindet, kann man mit dem Übersetzer ein Interview machen und das zum Anlass nehmen, die Themen wieder aufzugreifen…
Beispielsweise. Ein letztes Wort noch. Sean Penn hat es, glaube ich, sehr gut demonstriert. Sean Penn hat jetzt eben den Oscar gewonnen für den besten männliche Nebendasrteller. Aber er ist nicht nach Los Angeles gegangen, um den Preis entgegenzunehmen, sondern er hat sich in einen Zug gesetzt und ist nach Kiew gefahren. Die Zeremonie war ohne ihn. Und er ist nicht nur nach Kiew, sondern er ist auch an die Front gefahren im Osten. Das ist auch eine Möglichkeit, medienwirksam daran zu erinnern.
Ganz herzlichen Dank für das Gespräch.