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15. April 2026

Drei Fragen an Jurko Prochasko… oder die Allgegenwärtigkeit des Krieges

Jurko Prochasko ist Übersetzer, Schriftsteller und Psychoanalytiker und lebt in Lviv in der westlichen Ukraine. Am 20. März 2026 hat er ein Online-Weiterbildungsseminar übersetzt, das Claudia Starke und Anna Gunsch mit ukrainischen Psychotherapeut:innen durchführten. Eigentlich wollten wir nur ein ganz kurzes Gespräch mit Jurko Prochasko führen – drei Fragen, drei Antworten. Doch draus wurde mehr: Ein eindrückliches Gespräch über die Allgegenwärtigkeit des Krieges.

Unbenannt

Wie sieht es bei Ihnen in Lviv gerade aktuell aus?

Gestern Nacht hatten wir den aktuell jüngsten Angriff. Unter anderem hat eine modifizierte Shahed-Drohne hat in das Gebäude des lokalen Hauptsitzes des Geheimdienst SBU eingeschlagen. Das war zwischen 9 und 10 Uhr abends. Das war sehr gut hörbar. Es gibt Apps in allen Smartphones, die die Bewegungen von diesen bedrohlichen Flugkörpern verfolgen und die Menschen darauf vorbereiten, damit sie sich rechtzeitig in Schutz bringen können. Das heißt, die Menschen schauen sich das dauernd an. Das ist der neue Lebensmodus. Tag und Nacht bleibt das Gerät online und es gibt auch Geräusche von sich, damit man auch nachts aufwacht, wenn es so weit ist. Und da wird auch angezeigt, welcher Körper sich bewegt und versucht herauszufinden, auf was er sich zubewegt. So wird die Bedrohung permanent erlebbar, im Live-Ticker rund um die Uhr, 24 Stunden. Alle leben so, seit vier Jahren, alle sind darauf eingestellt, denn das ist ja eine Frage von Leben und Tod.

Ansonsten hatten wir auch immer wieder Stromausfälle, gestern, vorgestern und da springen die Generatoren ein. Diese Generatoren sind von verschiedenen Kapazitäten und von verschiedenen Gebrauchsweisen. Es gibt private Generatoren, aber auch kommerzielle und solche der öffentlichen Hand. Meistens sind das Dieselgeneratoren und wenn sie angeworfen werden, dann hört man es überall. Aber man sieht es auch, denn die Stadt wird dann deutlich dunkler als sonst. Es gibt auch seit Jahren diese Stundenpläne für die Abschaltungen des Stroms. Alle Verbraucher und alle Unternehmen wissen ungefähr, von wann bis wann sie keinen Strom haben. Danach richtet sich das Leben. Die Lebensbedingungen sind sehr viel schwieriger geworden nach dem letzten Winter, der ja besonders hart war. Das spürt man immer noch.

Die Stadt kann man nicht mehr vergleichen mit den Zuständen von vor vier Jahren, als sie überfüllt war mit Flüchtlingen. Das hat sich jetzt äußerlich sehr beruhigt. Es gibt so etwas wie eine scheinbare Normalität, die man auch als Kriegsgewöhnung einstufen kann. Aber das täuscht, denn alle leben in diesem permanenten Modus von Gefahr und Allgegenwart des Krieges.

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«Alle leben in diesem permanenten Modus von Gefahr und Allgegenwart des Krieges.»
Jurko Prochasko

Was bedeutet das jetzt für Ihre Arbeit als Psychotherapeut?

Das hat verschiedene Auswirkungen. Die Unmittelbarste ist, dass wir sehr viel mehr Arbeit haben. Und das zweite ist der Krieg, der nicht nur alltäglich, sondern auch psychisch allgegenwärtig ist. Das heißt, alle psychischen Phänomene, egal welchen Datums und welcher Gültigkeit und welcher Dringlichkeit, jetzt auch noch diese zusätzliche Dimension bekommen. Das bedeutet, dass sich alles vor dem Hintergrund von diesem andauernden Krieg entfaltet, und das hat eine absolut andere Qualität.

Das lässt sich zum Beispiel daran zeigen, dass alle Verluste erlitten haben, alle leben mit diesen Verlusten, oder mit dem andauernden Bewusstsein von der Möglichkeit oder sogar Wahrscheinlichkeit dieser Verluste, das ist vollkommen unberechenbar. Die können jeden überall und immer treffen. Und die Schwere des Verlustes ist nicht einzuschätzen im Vorhinein.

Das andere ist, dass das kein abgeschlossener Krieg ist. Wir wissen nicht, wie lange noch, und ob das überhaupt je ein Ende haben wird. Diese absolut fundamentale Unentschiedenheit, diese Ungewissheit ist das, was diese ständige Färbung allen psychischen Prozessen und Phänomenen gibt.

Ich habe ich versucht psychoanalytisch zu beschreiben, dass der reale Einfall die freien Einfälle natürlich völlig umstrukturiert. Der Kriegseinfall, der kriegerische Einfall in unser Land, in unsere Gesellschaft wirkt sich auch so aus, dass die freien Einfälle im Freudschen Sinne nicht mehr so ohne weiteres möglich sind. Das ist diese neue Qualität, dass alles, was abläuft assoziativ und im Sinne von Einfällen jetzt auch noch diese Kriegsdimension hat, welche den Stoff organisiert.

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«Diese Ungewissheit ist das, was diese ständige Färbung allen psychischen Prozessen und Phänomenen gibt.»
Jurko Prochasko

Was können wir tun?

Ihr tut ohnehin unendlich viel, seit langem. Es gab zum Beispiel ausländische Kolleginnen und Kollegen, die die akute Bedrohung sehr viel früher erkannt hatten, und die keinen Zweifel hatten, dass es zu diesem großen «Volleingriff» kommen würde. Wir hatten viele gemeinsame Seminare, haben uns über Ideen und Methoden ausgetauscht, insbesondere natürlich in diesen Bereichen, die dann im Krieg besonders betroffen sind, nämlich Traumatherapie. Zum Beispiel mit den israelischen Kolleginnen arbeiten wir schon seit Jahren zusammen, seit 2014, seit die Krim annektiert wurde und bei uns dieser unbemerkte Krieg, der Krieg, der woanders kaum wahrgenommen wurde, angefangen hat.

Diese Gewöhnung an den Krieg, die Sie vorhin beschrieben haben, das sehen wir hier in der Schweiz in einer anderen Form auch. Die Aufmerksamkeit für den Krieg in der Ukraine geht zurück. Wie schaffen wir es, dieser Gewöhnung bei uns entgegenzutreten?

Das sind jetzt schon zwei sehr verschiedene Dinge. Bei uns ist die Anpassung eine existenzielle Strategie, denn man kann ja nicht ewig in Ungewissheit leben und das Leben auf Pause stellen und sagen, jetzt setzt das Leben aus und wenn es zu Ende ist, dann fangen wir wieder an zu leben. Das war am Anfang so, mehrere Monate vielleicht. Und als die Einsicht kam, dass es ein Krieg, ein Zustand von einer wirklich unbestimmten und vielleicht unbestimmbaren Dauer ist, dann hat man gesehen, dass man irgendwie weiterleben muss. Das heisst, die Menschen heiraten, sie lassen sich scheiden, sie bekommen Kinder, die Kinder werden ausgebildet in der Schule, die Kinder tanzen, die Künstler malen, singen und schreiben und der Staatsapparat funktioniert einigermaßen. Das nenne ich bei uns diese Anpassung.

Was Sie meinen, ist wahrscheinlich etwas anderes: Was zu lange dauert, das wird weniger interessant und aufregend. Dazu kommt noch ein neues Phänomen: One battle after another. Ein Krieg wird von einem anderen Krieg überschattet. Der Krieg gegen den Iran hat auch zur Auswirkung, dass unser Krieg sozusagen verdrängt oder vergessen wird.

Es gibt Prozesse, die einfach mit der Zeit und mit der Dauer zu tun haben, wogegen man relativ wenig ausrichten kann. Aber ich würde auch nicht in totale Skepsis verfallen. Ich würde wieder aufnehmen, was Freud sagte: «Erinnern. Wiederholen. Durcharbeiten. – Erinnern. Wiederholen. Durcharbeiten.» Ja, das braucht es immer wieder.

Aber auch dieser Krieg hier liefert immer wieder Gelegenheiten und Anlässe. Wenn es besonders schlimm wird, wenn wieder 50 Personen mit einem Schlag getötet werden, dann facht das die Aufmerksamkeit wieder kurz an. Oder wenn ein Außenminister nach Kiew kommt oder…

.. oder wenn ein Online-Seminar stattfindet, kann man mit dem Übersetzer ein Interview machen und das zum Anlass nehmen, die Themen wieder aufzugreifen…

Beispielsweise. Ein letztes Wort noch. Sean Penn hat es, glaube ich, sehr gut demonstriert. Sean Penn hat jetzt eben den Oscar gewonnen für den besten männliche Nebendasrteller. Aber er ist nicht nach Los Angeles gegangen, um den Preis entgegenzunehmen, sondern er hat sich in einen Zug gesetzt und ist nach Kiew gefahren. Die Zeremonie war ohne ihn. Und er ist nicht nur nach Kiew, sondern er ist auch an die Front gefahren im Osten. Das ist auch eine Möglichkeit, medienwirksam daran zu erinnern.

Ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

Jurko Prochasko

Jurij (JurkoBohdanowytsch Prochasko ist ein ukrainischer Essayist, Germanist, Schriftsteller, Übersetzer und Psychoanalytiker. Mehr Informationen über ihn: https://de.wikipedia.org/wiki/Jurko_Prochasko

Netzwerk Psychotherapie Ukraine-Schweiz,

Das IEF unterstützt das Netzwerk Psychotherapie Ukraine-Schweiz, das seit Kriegsbeginn 2022 Kontakte zu Psychotherapeut:innen in Lviv und Umgebung aufrechterhält und diesen mit folgenden Projekten Hilfe anbietet:

  • Eine Klinik in Lviv wird monatlich finanziell unterstützt. Die Klinik behandelt traumatisierte Menschen, die in schwere Sucht geraten.
  • In diesem Winter haben wir verschiedene Generatoren und Energiespeicher gespendet, damit sie überhaupt arbeiten und leben konnten. Man muss wissen, dass sie ganz viel online arbeiten, da die Menschen oft gar nicht zu den Praxen oder Ambulatorien kommen können; oder weil die Familien im ganzen Land (oder im Ausland) verstreut sind.
  • Jedes Jahr werden einige der in Lviv tätigen Psychotherapeut:innen zu uns nach Zürich eingeladen, einerseits zum fachlichen Austausch, andererseits aber auch um wieder etwas Abstand zum Kriegsalltag zu bekommen und sich etwas zu erholen.
  • Wir bieten Online-Seminare bzw. Gespräche für jegliche Art von fachlicher Unterstützung. Vor allem aber um ihnen unsere Solidarität zu zeigen und ihnen die Sicherheit zu geben, dass sie nicht vergessen gehen.
  • Wir planen noch weitere Kooperation mit den psychotherapeutischen Einrichtungen in Lviv und möchten zur Förderung der ukrainischen Psychotherapeut:innen beitragen. Ihre Arbeit ist unglaublich wichtig bei dem zunehmenden Leid, den alle in diesem Land erfahren.

Bei allem ist immer wieder beeindruckend mit welchem Durchhaltevermögen und Kraft sie diese schwere Arbeit bewältigen, die sie tagtäglich leisten.

Wir sind froh um jede noch so kleine Spende, damit wir ihnen weiterhin tatkräftig Unterstützung anbieten können. Jeder Franken kommt direkt der Ukraine zugute – unser Engagement in der Schweiz ist rein ehrenamtlich.

Hier die Spendenkontonummer:
Postfinance Konto:
IBAN CH06 0900 0000 1644 7867 0
Systemis Ukraine Hilfe
8400 Winterthur

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