Durch die Migration oder Flucht kommt es zu einem Verlust von vielen Selbstverständlichkeiten und die geflüchteten Menschen müssen sich mit der fremden schweizerischen Welt in Beziehung setzen und im besten Fall einen Weg finden, sich als Subjekt ihrer Handlungen zu erleben.
Vor welche Herausforderungen werden Fachpersonen in der psychotherapeutischen Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund gestellt?
Bei einem Erstkontakt mit Geflüchteten kann es rasch zu Irritationen auf der Seite der Fachperson kommen. Kleidung und Auftreten können fremd wirken, Sprachprobleme schieben sich in den Vordergrund, sodass emotional bedeutsame Inhalte kaum zu erfassen sind. Grundlegende Werthaltungen und Einstellungen werden vielleicht nicht geteilt, was verunsichernd und beängstigend wirken kann. Natürlich nimmt das auch das Gegenüber wahr und realisiert die Unsicherheiten.
Es geht bei der transkulturellen Psychotherapie nicht darum, eine neue Psychotherapieform zu erlernen, sondern um eine kultursensitive Anwendung der psychotherapeutischen Methoden, die wir gelernt haben. Zu empfehlen ist eine systemisch-konstruktivistische Perspektive, in der eine Haltung einer anteilnehmenden oder wohlwollenden Neugier gegenüber Wertehaltungen entsteht, die den unseren widersprechen. Es geht also nicht nur um den Erwerb von Wissen über Kulturen, das wäre umfassend ja ohnehin kaum möglich, sondern vielmehr um die Fähigkeit, mit Wissenslücken umzugehen und sich über Wertesysteme, Traditionen und Emotionen, aber auch über die Erfahrung von Rassismus und Diskriminierung auszutauschen. Neben der Selbstreflexion über die eigenen Wertesysteme ist auch das Wissen von den eigenen Voreingenommenheiten und Stereotypen wichtig. Denn immer wenn eine Therapie stattfindet, sind persönliche und kulturelle Geschichten, Privilegien und Vorurteile mit von der Partie. Wenn wir uns um eine Vertiefung der kulturellen Kompetenz bemühen, führt das am Anfang paradoxerweise dazu, dass wir mehr Fehler des Handelns machen statt Fehler des Nicht-Handelns und Vermeidens. Wir wissen, dass eine Vertiefung von Beziehung immer auch einen Kontakt ermöglicht, der ausreicht, dass auch Fehler gemacht und angesprochen werden können.
Die Therapiebeziehung gilt als einer der wichtigsten Wirkfaktoren der Psychotherapie. Worauf ist bei der Gestaltung der therapeutischen Beziehung mit Geflüchteten besonders zu achten?
Mitchell, ein Neuropsychologe aus Harvard, hat mit bildgebenden Verfahren gezeigt, dass Begegnungen mit uns ähnlichen Menschen im ventralen medialen Präfrontalkortex mentalisiert werden, wo auch selbstreferenzielle Prozesse verarbeitet werden. Die Mentalisierung von fremd erlebten Menschen aktiviert hingegen dorsale Subregionen des medialen Präfrontalkortex und der Rückgriff auf selbstreferenzielle Prozesse fehlt. Das bedeutet, dass unser Verstehen von ähnlichen anderen Menschen auf den Vorstellungen von uns selbst basiert. Je unähnlicher jemand wahrgenommen wird, umso mehr muss man sich auf Stereotype abstützen. Das bedeutet auch, dass Fremdes nicht aus dem Eigenen heraus hergeleitet werden und auch nicht im Allgemeinen aufgehoben werden kann.
Für die Psychotherapie bedeutet das, dass wir Begegnungsräume schaffen müssen, in denen wir über die Wahrnehmung von Ähnlichkeiten miteinander in Kontakt kommen. Therapeut:innen repräsentieren ihren Patient:innen gegenüber bestimmte Dinge, und Patient:innen repräsentieren ihren Therapeut:innen gegenüber ebenfalls bestimmte Dinge wie zum Beispiel Ethnizität, Geschlecht oder soziale Klasse, was für die kulturell kompetente Fachperson wichtig ist wahrzunehmen. Es ist auch für unsere Patient:innen hilfreich, wenn sie mit uns über Ähnlichkeiten in Kontakt kommen können. Gerade in der Zeit des Beziehungsaufbaus erzähle ich mehr von mir persönlich, als ich es mit meinen anderen Patient:innen mache. Ich bringe meine eigene Migrationserfahrung ein oder erzähle Geschichten von anderen, was die Risiken und was die Chancen der Migration waren, was zurück- gelassen werden musste, aber auch, wer geholfen hat, zum Beispiel bei der Arbeit, was Überraschungen waren und Bewältigungserfahrungen. So kann gleichzeitig sichtbar gemacht werden, wie und worüber in der Psychotherapie gesprochen werden kann. Hier kann auch früh meine privilegierte Situation angesprochen werden, was auf dem Hintergrund der Deprivilegierung der Geflüchteten wichtig ist. Oft erleben sich Therapeut:innen aufgrund der eigenen Privilegien beschämt und auch schuldig, was unreflektiert zu einer Distanzierung und damit einer Belastung der therapeutischen Beziehung führt.
Die Sprache gilt gemeinhin als zentrales Instrument in der Psychotherapie. Wie wichtig ist eine gemeinsame Sprache in der Psychotherapie mit geflüchteten Menschen? Wie kann mit Sprachbarrieren umgegangen werden?
Auch wenn körper- und ausdrucksorientierte Behandlungsverfahren hilfreich sein können, bleibt die Sprache ein zentrales Element für die Psychotherapie. Menschen können sich über Gefühle und Emotionen meist am besten in der Muttersprache ausdrücken. Da Sprachbarrieren häufig unüberbrückbar sind, ist die Zusammenarbeit mit professionellen Dolmetschenden oft unumgänglich. Diese Arbeit birgt Chancen und Risiken. So können Sprach- und Kulturmittler:innen bei der Einordnung in kulturelle Kontexte helfen, da sie häufig aufgrund ihrer Herkunft ein spezifisches Kontextwissen besitzen. Aber auch die zeitliche Verzögerung und die Entlastung in der Nähe-Distanz-Regulierung kann sowohl für die Therapeut:innen wie auch die Patient:innen entlastend erlebt werden. Gleichzeitig ist es wichtig, die Rollen gut zu klären und, wenn es ein längerer dolmetschgestützter Therapieprozess wird, auch eine vertrauensvolle Beziehung zur dolmetschenden Person aufzubauen.
Was gibt es für kultursensitive Kommunikationsmittel?
Ein grundlegendes Ziel einer kultursensitiven Psychotherapie ist es, den therapeutischen Prozess so an die Bedürfnisse der Patient:innen anzupassen, dass die therapeutische Beziehung positiv gestaltet und damit Behandlungsverläufe optimiert werden. Transkulturelle Kompetenz heisst auch immer, Patient:innen in ihrer spezifischen Lebenswelt erfassen zu können. Wenn es gelingt, die Erfahrungen durch die Augen unseres Gegenübers zu sehen und auszudrücken, was das emotional bedeuten könnte, basierend auf eigenen Erfahrungen und einem psychologischen Common Sense, ist dies sehr vertrauensbildend. Vertrauen entsteht auch durch Transparenz und Orientierung, was insbesondere bei traumatisierten Geflüchteten entscheidend ist. Dort ist auch das Etablieren von Sicherheit zentral, was sich durch das Gefühl vermittelt, im jetzigen Setting die Kontrolle über sich selbst behalten zu können.