Damit kann ich einladen, das Phänomen eben mal nicht aus der Position von Unfähigkeit, Scham oder Schuld zu betrachten, sondern diesem wohlwollend und respektvoll – eben auf Augenhöhe – zu begegnen. Und das kann was verändern. Das sieht man auch gut an der Körperhaltung. Die Menschen sitzen innert kurzer Zeit ganz anders da, ihre Selbstwirksamkeitserwartung kann sich sehr schnell in die gewünschte Richtung verändern. Und es kann berührend werden, wenn Symptome plötzlich Ausdruck von Leben und nicht von Mangel werden.
Wie bringst du diese Herangehensweise auf Augenhöhe mit dem systemisch-konstruktivistischen Ansatz zusammen?
Wenn ich Menschen für den vorhin ausgeführten Perspektivenwechsel gewinnen kann, ergibt es sich dann fast wie von selbst, dass wir mal gemeinsam schauen, was es denn für einen Unterschied macht, mal aus der einen – vielleicht schamvollen Perspektive – und einmal aus der Position der Augenhöhe auf ein Phänomen zu schauen. Und schon können wir auf eine Metaebene gehen und gemeinsam schauen, welche Beobachterperspektive für die Potenzialentfaltung zieldienlicher ist.
Wenn wir uns lösen können von «richtig oder falsch», entsteht ein dreidimensionaler Möglichkeitsraum und wir können gemeinsam mit den Klient:innen in Suchprozesse gehen und zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten und Ebenen pendeln. Und ob wir aus einer defizitären oder allparteilichen Position auf Phänomene schauen, ist ein riesengrosser Unterschied. Und dieses Pendeln ist übrigens auch wunderschön anschlussfähig an andere hilfreiche körperorientierte Konzepte.
Was macht es denn für einen Unterschied für dich, wenn du Menschen auf Augenhöhe begegnen kannst?
Eine sehr schöne Frage, denn ich habe tatsächlich auch sehr viel davon. Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, ist ein wesentlicher Aspekt der Beziehungsgestaltung, vielleicht sogar der wesentlichste. Und wenn ich sage Beziehungsgestaltung, dann meine ich auch die Gestaltung der Beziehung zu mir selbst und meinem inneren Erleben. Wie nämlich gehe ich mit mir und dem um, was ich bei mir wahrnehme – auch in einer Therapie oder in einem Coachingprozess. Kann ich möglichst neutral und neugierig – auf Augenhöhe – mein Erleben explorieren und womöglich hilfreiche Informationen sammeln für den Prozess? Und das ist eine ganz andere Position, als wenn ich mich frage, was mache ich grad falsch, und somit in eine Entwertung gehe. Und so habe ich auch nicht den Anspruch an mich, dass die Position der Augenhöhe statisch sein müsste, ich sehe diese Haltung eher als eine Art Leuchtturm, der mir Orientierung gibt. Besonders dann, wenn ich es grad mal als anspruchsvoll erlebe.