Marianne: Ich denke, dass in der Interdisziplinarität, die ja in der systemischen Arbeit zentral ist, noch sehr viel Potenzial liegt und die Fachleute ihre Zusammenarbeit mit den Eltern, der Schule und den Begleitungspersonen noch weiter vertiefen können.
Mischa: Das stimmt. Die Zusammenarbeit ist beispielsweise beim Schulabsentismus sehr zentral. Leider höre ich von vielen Fachpersonen, wie komplex und herausfordernd ihre tägliche Arbeit geworden ist, sodass es oft an zeitlichen Ressourcen fehlt. Eine Schulpsychologin sagte mir neulich, dass sich ihre Arbeit oft so anfühle, als würde sie Brände löschen und der Arbeit hinterherlaufen. Ähnlich geht es vielen Eltern, die zwischen Erwerbsarbeit, Haushalt, Erziehung und eigenen Bedürfnissen jonglieren. Alle wissen, dass es wichtig wäre, früh zu reagieren. Aber wer übernimmt den Lead? Wer organisiert einen runden Tisch? Wer behält den Überblick und übernimmt das Case Management?
Marianne: Gibt es noch andere Themen, die dich beschäftigen?
Mischa: In der Erziehungsberatung begegne ich oft auch sehr reflektierten Eltern. Sie lesen verschiedene Erziehungsratgeber oder hören entsprechende Podcasts. Sie nehmen sich viele Tipps und Tricks zu Herzen, erfahren, wie wichtig die Bedürfnisse des Kindes sind, vielleicht lesen sie auch, dass man seine Autorität nicht ausnutzen sollte, deshalb sollte man nicht strafen; und auch Loben sei manipulativ und so weiter. Kurz: In guter Absicht, nur das Beste für die eigenen Kinder zu machen, verlieren manche Eltern vor lauter Ratschlägen ihre Orientierung und fragen sich: Was darf ich denn noch machen? Viele fokussieren sich so stark auf die Bedürfnisse ihrer Kinder, dass sie ihre eigenen vernachlässigen. Dadurch können Familiendynamiken entstehen, in denen es den Kindern an klaren Grenzen und Strukturen fehlt. Nicht selten reagieren Kinder mit herausforderndem Verhalten darauf. Ich denke, da müssten wir in der Elternarbeit noch stärker darauf hinarbeiten, Eltern in ihrer Kompetenz zu stärken, sie befähigen – unabhängig von allen Ratschlägen –, ihren eigenen Weg zu finden und auch auf ihre Intuition zu hören.