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Arbeit mit Kindern und Familien · 13. August 2026

«Eltern befähigen, auch auf ihre Intuition zu hören.»

Stabsübergabe am IEF: Marianne Egloff übergibt die Verantwortung für den Fachbereich Elterncoaching an Mischa Frei. Wie geht es den Kindern und Jugendlichen sowie ihren Eltern? Was braucht es für die professionelle Arbeit mit Familien? Im gemeinsamen Gespräch versuchen sie einen Rückblick mit Ausblick.

Mischa Frei und Marianne Egloff, IEF Zürich, Eltern befähigen, auch auf ihre Intuition zu hören.

Marianne: Ich freue mich, dass du meinen Bereich am IEF übernimmst. Magst du dich kurz vorstellen? Wer bist du?

Mischa: Mein Erstberuf ist Primarlehrer. Nach einigen Jahren auf verschiedenen Schulstufen arbeitete ich als Hortleiter und studierte danach Psychologie. Während des Studiums arbeitete ich weiterhin als Lehrer, Hortleiter und zeitweise als Heilpädagoge. Zudem war ich über mehrere Jahre als sozialpädagogischer Familienbegleiter und Jugendcoach tätig. Nach dem Studium absolvierte ich eine Weiterbildung zum syste- mischen Therapeuten und Familientherapeuten.

Seit 2019 bin ich als Erziehungsberater im kjz (Kinder- und Jugendhilfezentrum) in Winterthur tätig. Dort berate ich Familien mit Kindern von 0 bis 18 Jahren zu allen denkbaren familiären Themen. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt meiner Arbeit ist der Kindesschutz, insbesondere die Durchführung von Kindeswohlabklärungen. Daneben arbeite ich in einem kleinen Pensum als psychologischer Berater an der Kantonsschule Rychenberg und als Dozent an der ZHAW für Angewandte Psychologie.

Marianne: Da scheint es dich ja an den richtigen Ort verschlagen zu haben.

Mischa: Ja, ich bewege mich am IEF in einem Themenbereich, in dem ich viel Erfahrung und Fachwissen einbringen kann. Gleichzeitig freue ich mich darauf, Neues zu lernen, mich mit dem Team, den Dozierenden und den Teilnehmenden auszutauschen und die Weiterbildungsangebote am IEF aktiv mitzugestalten.

Marianne: Die Weiterbildung «Elterncoaching» gibt es am IEF seit bald 20 Jahren, und auch Marte Meo ist inzwischen etabliert. Pioniere wie Haim Omer, Maria Aarts und Ben Furman haben hier wichtige Grundlagen gelegt. Als ich vor neun Jahren als Bereichsleiterin Elterncoaching ans IEF kam, war mir das Institut durch viele eigene Weiterbildungen bereits sehr vertraut. Das hat mir den Einstieg erleichtert.

Heute blicke ich mit grosser Freude darauf zurück, was ich in meinem Fachbereich entwickeln konnte – besonders auf den erfolgreichen Aufbau der Weiterbildung in sozialpädagogischer Familienbegleitung. Ich habe es sehr geschätzt, immer wieder mit neuen Menschen in Kontakt zu kommen und gemeinsam neue Themenfelder zu erschliessen. Es war spannend, Fragen nachzugehen wie: Wie können wir ein neues Thema sinnvoll in eine Weiterbildung integrieren? Entwickeln wir daraus ein zweitägiges Fortbildungsseminar? Wer passt als Dozent dazu?

Diese Gestaltungsfreiheit hat mir viel Freude gemacht. Gleichzeitig gehört auch die Unsicherheit dazu: Haben wir genügend Anmeldungen? Können wir ein Seminar tatsächlich durchführen? Diese Seiten der Arbeit waren manchmal herausfordernd, aber auch Teil der Dynamik.

Ich verabschiede mich aus der Rolle als Bereichsleiterin und werde vieles vermissen. Aber ich gehe in meine letzten Berufsjahre und habe mich gefragt, wofür ich meine Energie am liebsten einsetzen möchte. Am meisten Freude machen mir direkte Beratungen in kleinen Settings – für Fachpersonen und für Familien, die Unterstützung suchen und schätzen. Gleichzeitig habe ich grosse Lust, mehr Fachsupervisionen anzubieten.

Mischa Frei, IEF Zürich
«Leistungsdruck, Prüfungsstress und Zukunftsängste beschäftigen viele Jugendliche stark.»
Mischa Frei

Mischa: Du gehst ja nicht ganz weg vom IEF. Wo wird man dich weiterhin antreffen?

Marianne: Ich werde einzelne Kurstage als Dozentin und Supervisorin bestreiten. Da habe ich noch ein paar Ideen, die ich gerne einbringen werde. Hast du bereits Vorstellungen, was du in Zukunft im Bereich Elterncoaching anpacken möchtest?

Mischa: Ein besonderes Interesse von mir gilt methodischen Werkzeugen. Als ich im kjz Winterthur meine Stelle angetreten habe, befragte ich alle Mitarbeitenden nach ihren Lieblingsmethoden und sammelte diese. Daraus entstand das Buch «Werkzeugkoffer für Systemische Beratung und Therapie», welches ich letztes Jahr veröffentlicht habe. Hier gäbe es sicher viele Ideen, die für Fortbildungen am IEF geeignet wären, wie beispielsweise kreative Zugänge zu Kindern und Jugendlichen, Aufstellungsarbeit oder Teilearbeit mit Tierfiguren. Weiter sehe ich mögliche Themen rund um Familie, Eltern, Kinder und Jugendliche oder auch Fragestellungen aus dem Schulbereich. Das neue Format «Kraftwerk Familie» begeistert mich besonders, weil es Raum für Fachinputs sowie interdisziplinären Austausch und Vernetzung bietet. Ausserdem könnte ich mir vorstellen, Themen wie Schulabsentismus, ADHS oder Autismus-Spektrum-Störungen künftig noch stärker aufzugreifen. Zudem gehe ich mit grosser Offenheit an meine neue Aufgabe am IEF heran und bin gespannt auf die Impulse und Ideen, die mir begegnen werden.

Marianne: Was sind aus deiner Perspektive die aktuellen Entwicklungen in der Familienarbeit? Was beschäftigt die Familien heute?

Mischa: In meiner Arbeit als Erziehungsberater fällt mir in letzter Zeit eine ausgeprägte Häufigkeit von Fällen auf, bei denen der Kontakt zwischen Jugendlichen und Eltern abgebrochen scheint. Fälle, bei denen Jugendliche bis in die Nacht hinein draussen unterwegs sind, ohne die Eltern zu informieren, wo sie sind oder wann sie nach Hause kommen.

Daneben bleiben viele bekannte Themen aktuell, wie zum Beispiel die Herausforderungen rund um ein Neugeborenes, die Entwicklung einer erzieherischen Haltung, der Umgang mit digitalen Medien und sozialen Netzwerken, Schulverweigerung, Ablösung und Adoleszenz sowie psychische Belastungen wie Depressionen oder Angststörungen. Eine aktuelle Studie von Pro Juventute zeigt, und ich kann das aus meiner Schulpraxis bestätigen, dass Leistungsdruck, Prüfungsstress und Zukunftsängste viele Jugendliche stark beschäftigen. Die psychischen Reaktionen darauf können erheblich sein. Kürzlich begleitete ich einen Jugendlichen mit ausgeprägter Schulangst, der sich zwar täglich in die Schule zwang, dort jedoch regelmässig mehrere Stunden auf der Toilette verbrachte und sich vor Anspannung übergeben musste. Hier sind Fachpersonen, die mit Eltern und Familien arbeiten, gefordert und oft braucht es eine Sichtweise, die das ganze System miteinbezieht.

Marianne: Ich habe das Gefühl, wir könnten in der Elternarbeit zum Thema Umgang mit Druck Hilfreiches beitragen. Brauchen die Eltern respektive die Fachleute, die mit Eltern arbeiten, etwas Zusätzliches, das wir vielleicht in unseren Fortbildungen berücksichtigen könnten?

Mischa: Ich denke, sowohl Eltern wie auch Fachleute könnten noch bewusster wahrnehmen, unter welchem Druck die Kinder und Jugendlichen stehen, und sich fragen: Wie viel Druck ist hilfreich, und wann wird er belastend? Wie können Eltern das Zuhause zu einem Ort machen, wo Kinder und Jugendliche nicht noch mehr Druck erfahren? Oft braucht es von allen Seiten her, insbesondere in der Zusammenarbeit von Lehrpersonen und Eltern, mehr Sensibilität. Nicht selten resultiert aus Überforderung heraus eine spannungsgeladene Situation zwischen der Schule und den Eltern. Gerade Familienbegleiter:innen und Jugendcoaches übernehmen dabei eine wichtige Vermittlungsfunktion und können Kommunikationsschwierigkeiten und Gräben zwischen Eltern und Schule überwinden.

Marianne Egloff, IEF Zürich
«Ich denke, dass in der Interdisziplinarität noch sehr viel Potenzial liegt.»
Marianne Egloff

Marianne: Ich denke, dass in der Interdisziplinarität, die ja in der systemischen Arbeit zentral ist, noch sehr viel Potenzial liegt und die Fachleute ihre Zusammenarbeit mit den Eltern, der Schule und den Begleitungspersonen noch weiter vertiefen können.

Mischa: Das stimmt. Die Zusammenarbeit ist beispielsweise beim Schulabsentismus sehr zentral. Leider höre ich von vielen Fachpersonen, wie komplex und herausfordernd ihre tägliche Arbeit geworden ist, sodass es oft an zeitlichen Ressourcen fehlt. Eine Schulpsychologin sagte mir neulich, dass sich ihre Arbeit oft so anfühle, als würde sie Brände löschen und der Arbeit hinterherlaufen. Ähnlich geht es vielen Eltern, die zwischen Erwerbsarbeit, Haushalt, Erziehung und eigenen Bedürfnissen jonglieren. Alle wissen, dass es wichtig wäre, früh zu reagieren. Aber wer übernimmt den Lead? Wer organisiert einen runden Tisch? Wer behält den Überblick und übernimmt das Case Management?

Marianne: Gibt es noch andere Themen, die dich beschäftigen?

Mischa: In der Erziehungsberatung begegne ich oft auch sehr reflektierten Eltern. Sie lesen verschiedene Erziehungsratgeber oder hören entsprechende Podcasts. Sie nehmen sich viele Tipps und Tricks zu Herzen, erfahren, wie wichtig die Bedürfnisse des Kindes sind, vielleicht lesen sie auch, dass man seine Autorität nicht ausnutzen sollte, deshalb sollte man nicht strafen; und auch Loben sei manipulativ und so weiter. Kurz: In guter Absicht, nur das Beste für die eigenen Kinder zu machen, verlieren manche Eltern vor lauter Ratschlägen ihre Orientierung und fragen sich: Was darf ich denn noch machen? Viele fokussieren sich so stark auf die Bedürfnisse ihrer Kinder, dass sie ihre eigenen vernachlässigen. Dadurch können Familiendynamiken entstehen, in denen es den Kindern an klaren Grenzen und Strukturen fehlt. Nicht selten reagieren Kinder mit herausforderndem Verhalten darauf. Ich denke, da müssten wir in der Elternarbeit noch stärker darauf hinarbeiten, Eltern in ihrer Kompetenz zu stärken, sie befähigen – unabhängig von allen Ratschlägen –, ihren eigenen Weg zu finden und auch auf ihre Intuition zu hören.

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