NEIN, weil der Begriff eben nicht einfach so auf die Psychotherapie übertragbar ist. Es zeigt sich ja gerade, dass Hoffnung, positive Veränderungserwartung, die Qualität der Beziehung sowie Therapeutenvariablen zentrale Faktoren sind, die sehr spezifisch wirken. Es steckt also sehr viel Spezifisches im Unspezifischen. Wenn man nur schon die «Beziehung» anschaut, ist das ein riesiges Forschungsfeld. Hier stecken Empathie, Impathie, Vertrauen, Sozialkompetenz und Kommunikation drin, das sind bereits eigenständige Konzepte und eigenständige Forschungsfelder.
Sind die Chancen einer Intervention nicht viel grösser, wenn Klienten Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung entwickelt haben?
Das sehe ich auch so. Intrinsische Motivation, Kompetenzerleben, Wahlfreiheit und Akzeptanz sind entscheidende Klientenfaktoren. Zentral scheint mir, dass der Klient das Vorgehen akzeptiert und Interventionen Sinn und Bedeutung beimessen kann. Die «Techniken» müssen zu seinen Werten und seinem Weltbild passen, wodurch sein aktives Engagement unterstützt wird. Menschliche Entwicklungsprozesse verlaufen nicht geradlinig, sondern sprunghaft-chaotisch und eben sehr individuell. Ganz viel passiert ausserhalb. Metaanalysen zeigen eindrücklich, dass das Therapieergebnis hauptsächlich dem Klienten und seinen Lebensbedingungen zuzuschreiben ist. Ich erachte es daher als grosse Herausforderung, diese Mechanismen noch besser erfassen und berücksichtigen zu können. Mich interessiert auch ganz praktisch, wie wir aus Therapiesitzungen noch besser lernen können. Die Intuition lässt uns hier oft im Stich! Wie komme ich also noch unmittelbarer an das Bedeutungssystem des Klienten heran? Was könnte aus Sicht des Klienten ein gutes Feedbackinstrument sein? Je besser die subjektive Einschätzung des Klienten einbezogen werden kann, desto adaptiver und individueller können wir das Therapieangebot gestalten. Damit könnten wir auch Therapieabbrüche besser voraussagen und aus Fehlern lernen. Viele Studien zeigen eindrücklich, dass die Psychotherapie sehr wirksam ist; wirksamer als viele medizinische Verfahren. Leider übersehen wir häufig noch Patienten, die es zwar nötig hätten, aber die Therapie zu schnell abbrechen oder ein therapeutisches Angebot erst gar nicht in Anspruch nehmen. Ich denke, es wird noch zu wenig darüber reflektiert, woran das jeweils liegt.
Es gibt ja nicht nur den Placebo-, sondern auch den Noceboeffekt. Wie wichtig ist es, die negativen oder destruktiven Wirkfaktoren zu berücksichtigen?
Aus meiner Sicht ist das ein Thema, das viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Unbedachte Wortwahl oder Suggestionen, leichtfertig dahingeredete Verdachtsdiagnosen oder auch eingebildete Risiken können die Wirkung von Behandlungen massiv reduzieren oder sogar Symptome auslösen. Auch Psychotherapien können negative Nebenwirkungen haben. Es ist ja nicht nur der Klient, der zur Wirksamkeit und zum Erfolg beiträgt, sondern auch der Therapeut als Person. Umfragen zeigen immer wieder, dass die grosse Mehrheit der Therapeuten sich selber «als zu den Besten gehörend» wahrnimmt. Selbstbild und Fremdbild passen hier aber leider nicht immer zusammen. Aus meiner Sicht wäre es daher sinnvoll, mehr darauf zu schauen, was eigentlich ein guter Psychotherapeut ist und was die tatsächlich herausragenden Psychotherapeuten anders machen. Wie lernen sie? Was in ihrer Haltung, ihrer Persönlichkeit, ihrem Menschenbild, der Beziehungsgestaltung oder der Art und Weise ihrer Präsenz wirkt positiv? Oder umgekehrt, was zeichnet die schwarzen Schafe aus?
Was sollten wir in der Ausbildung von Therapeutinnen und Therapeuten berücksichtigen oder miteinbeziehen?
Supervision und Selbsterfahrung haben ein grosses Gewicht. Es werden aber leider viel zu selten kritische empirische Studien publiziert, die analysieren, welche Faktoren und welche Art von Selbsterfahrung auch wirklich praxisrelevant und therapieverbessernd sind. Vielfach beobachte ich, dass die Selbsterfahrung während der Ausbildung einfach abgearbeitet wird. Ich würde mehr Wert auf eine Art Probezeit legen, in der man konkrete Fälle auch aus Sicht des Patienten evaluieren könnte. Dabei sollte das Gewicht auf dem «erfolgreichen Scheitern» liegen. Woran könnte es liegen, dass etwas nicht funktioniert oder aus ganz anderen Gründen trotzdem funktioniert?