Wir alle können uns noch gut erinnern: Im Februar 2022 griff die russische Armee die Ukraine an. Die Ukraine konnte dem heftigen Angriff standhalten und es entwickelte sich ein schrecklich grausamer Krieg, der bis heute in aller Heftigkeit andauert. Eine spürbare Folge waren die vielen Menschen, vor allem Frauen und Kinder, die in der Schweiz Zuflucht suchten. Im Frühjahr 2022 entwickelte sich eine breite Welle der Solidarität in der Schweizer Bevölkerung. Viele Geflüchtete aus der Ukraine wurden von Gastfamilien aufgenommen.
In diesem Kontext entstand die erste Initiative, in der systemische Fachpersonen eine aktive Rolle übernahmen. Die Gastfamilien sollten dabei unterstützt werden, wenn es zu Schwierigkeiten im Zusammenleben kommen sollte. In Zusammenarbeit mit «systemis», dem systemischen Dachverband, der Schweizerischen Flüchtlingshilfe und dem Bund entstand ein Netzwerk an Fachpersonen, die einen Telefondienst anboten, an den sich Gastfamilien bei Fragen oder Unsicherheiten wenden konnten. Dieses Hilfsangebot wurde aber wenig genutzt und nach der Pilotphase wieder eingestellt.
Gleichzeitig entwickelte sich auf der Basis von bereits bestehenden Kontakten zwischen Psychotherapeut:innen aus der Schweiz und der Ukraine ein intensiver Austausch, der bis heute andauert. Im Zentrum steht dabei Alexander Filz, Chefpsychiater an der Psychiatrischen Universitätsklinik von Lwiw. Er hat in Wien studiert und spricht fliessend Deutsch. Hilfreich sind die regelmässigen Onlinetreffen, die jeweils am Sonntagabend stattfinden. So konnte auch das Projekt realisiert werden, dass sieben ukrainische Psychotherapeut:innen im September 2024 zu einer Fortbildungs- und Erholungswoche in die Schweiz kamen. Diese Woche ermöglichte viele Begegnungen und einen intensiven professionellen Austausch. Der fachliche Austausch wird fortgesetzt, und so findet diesen Som- mer eine zweitägige Onlinefortbildung für die Kolleg:innen der Uniklinik Lwiw statt.
Anfang 2025 wurde zudem ein Aufruf lanciert, um ein Suchtklinik-Selbsthilfe-Projekt dieser Kolleg:innen finanziell zu unterstützen. Damit kann nun das Projekt, das stationär fünfzehn Patient:innen mit schwerer Alkohol- und Drogenabhängigkeit psychotherapeutisch betreut, minimal abgesichert werden. Die Patient:innen leiden zudem an zusätzlichen psychischen Störungen, meist aufgrund traumatischer Erlebnisse.
Bei all diesen Projekten war Claudia Starke aktiv beteiligt. Sie ist Psychiaterin, systemische Psychothe- rapeutin, Supervisorin und Vorstandsmitglied am IEF. Im Gespräch mit Martin Engel, ebenfalls Vorstandsmitglied am IEF, erläutert sie die Hintergründe dieses Engagements.
Was hat dich dazu geführt, dich in dieser Solidaritätsarbeit zu engagieren?
Als der Krieg ausbrach, hat mich das emotional stark umgetrieben. In diesem Moment ist der Krieg plötzlich wieder sehr nahe gerückt, auch weil meine Eltern vom Zweiten Weltkrieg stark traumatisiert waren. Ich hatte bereits ein paar ukrainische Bekannte, da bekam ich Angst um diese Menschen. Und so wollte ich aus meiner Angst vor dem Krieg etwas Sinnvolles machen und kam mit anderen in Kontakt, die ebenfalls aktiv werden wollten. Es ist auffallend, dass wir alle ganz unterschiedliche Geschichten haben, aber die Motivation doch eine ganz persönliche ist. Statt ohnmächtig zu jammern, fragten wir uns, was wir konkret tun können.
Auffallend bei diesen Aktionen ist, dass es sich um eine Solidarität mit Fachkolleg:innen handelt und der professionelle Austausch ein grosses Gewicht hat. Wie erklärst du dir das?
Ein Grund ist sicher, dass bereits einige berufliche Kontakte bestanden. Als wir sie dann fragten, was könnt ihr gebrauchen, kam die Antwort: Wir sind zwar alle sehr gut psychoanalytisch ausgebildet, aber jetzt müssen wir plötzlich mit sehr vielen Menschen arbeiten, die ganz aktuell – und eben nicht in der Kindheit – traumatisiert wurden. Wie gehen wir damit um? Da brauchen wir Unterstützung. So sind zum Beispiel über Onlinetreffen Supervisionen und Intervisionen entstanden.