Die vielen negativen Schlagzeilen der KESB in den Medien widerspiegeln nur einen ganz kleinen Teil der Realität. Das Bild, welches so vom Kindesschutz gezeichnet wurde, ist sicher nicht hilfreich. So macht die Arbeit der KESB heute vielen Menschen Angst, sie bringen sie mit negativen Konsequenzen und nicht mit Hilfestellungen in Verbindung.
Die Sorge vieler Eltern ist, dass ein Eingreifen der Behörden heisst, das Kind wird weggenommen oder platziert. In der Realität ist das aber im Gegenteil immer weniger der Fall. Das Ziel im Kindesschutz ist vielmehr, wie unterstützen wir die Familien, die in Not geraten sind? Die Eltern werden in Entscheidungen miteinbezogen und häufig werden Interventionen gemeinsam mit ihnen bestimmt.
Wie würdest du die Herausforderung der Fachleute beschreiben, die sich im professionellen Alltag mit Kindesschutz beschäftigen?
Es geht um eigene Haltungen und um die Haltung der Institutionen, in denen Fachleute arbeiten. Ich versuche in der Elterncoaching-Weiterbildung zu vermitteln, dass es wichtig ist, eine eigene Haltung zu entwickeln, was in diesem Kontext durchaus eine Herausforderung darstellt. Es ist immer auch eine subjektive Einschätzung, was ich als «gut genug» für das Wohl des Kindes halte. Beim Thema Kindesschutz gehen wir nicht von «optimal» aus, sondern immer davon, was gut genug ist, damit sich ein Kind seinem Alter entsprechend entwickeln kann. Es ist nun mal eine Realität, dass jedes Kind unterschiedliche Eltern und unterschiedliche Entwicklungsräume hat.
Wie wird eine Gefährdung des Kindeswohls überhaupt sichtbar? Wie können wir herausfinden, wie die Situation eines Kindes aussieht?
Ich bin fest davon überzeugt, dass es darum geht, zusammen mit den Eltern einen Weg zu finden. Ich finde es ungünstig, wenn wir auf Detektivarbeit aus sind. Das schafft kein Vertrauen, im Gegenteil. Ich möchte in meiner Arbeit Vertrauen schaffen, damit Eltern erzählen können. Damit sie sagen können, da läuft etwas nicht mehr gut, das ist schwierig bei uns. Das erzählt man erst jemandem, wenn man auch denkt, der kann das verstehen und das dann auch mit der Familie «stemmen». Aus einzelnen Symptomen kann ich noch nicht automatisch auf eine Gefährdung des Kindeswohls schliessen. Es geht darum, ein ganzheitliches Bild zu bekommen.
Wenn ein Kind zum Beispiel nicht passend angezogen ist, bedeutet das nicht direkt eine Gefährdung des Kindeswohls. Es geht um ein Zusammensetzen von verschiedenen Puzzleteilen. Es gilt abzuwägen, welche Risikofaktoren und welche Schutzfaktoren in einer Familie bestehen.
Wenn ich jetzt an den Schulalltag denke, so sind wir doch in der Pflicht, die Symptome zu erkennen, wenn ein Kind sich nicht entwickelt. Wir sehen die Bilder, die die Kinder malen, wir sehen vielleicht die blauen Flecken am Körper. Da wird etwas sichtbar, da sind wir doch darauf angewiesen, mit den Symptomen zu arbeiten.
Ja, auf diese Symptome reagieren wir sehr schnell. Das ist auch richtig so. Wir müssen aber auch davon ausgehen, dass viele Kinder eine hohe Resilienz haben. Dass sie lange keine Symptome zeigen, hat mit der enormen Anpassungsleistung zu tun, zu der Kinder fähig sind. Das sind dann die Kinder, die uns vielleicht durch die Maschen fallen, weil wir primär auf die akuten Symptome achten. Viel häufiger ist es aber, dass sich Kinder sehr lang anpassen. Gerade an diese Familien kommt man nur über die Beziehung an die Thematik heran. Das gilt für die Schulen ebenso. Im Kindesschutz ist Beziehung das A und O. Ohne Beziehung werde ich nicht «dahinter» sehen können – ausser wenn eine eindeutige, offensichtliche Gefährdung vorliegt.
Heisst das, wenn keine Symptome vorliegen, ist es fast nicht möglich, die Gefährdung eines Kindes zu erkennen?
Das würde ich nicht sagen. Ich denke, in diesen Fällen braucht es ein genaueres Hinschauen. Es benötigt mehr Beziehung, damit sich ein Kind noch besser äussern kann, damit wir auch bei kleineren Hinweisen nochmals nachfragen und genauer hinhören können. Aus meiner Erfahrung ist vieles möglich, wenn man mit der Familie dranbleibt und Zeit investiert.