Was beschäftigt Paare heute? Was sind die aktuellen Fragestellungen, mit denen Sie in der Paartherapie konfrontiert sind?
Ich erlebe die Fragestellungen von Paaren sehr lebensphasenspezifisch. Ältere Paare ringen mit Differenzen, Enttäuschungen und dem Wunsch nach lebendiger Paarbeziehung in der verbleibenden Lebenszeit. Paare in der sogenannten Rush Hour des Lebens kommen mit den Auswirkungen multipler Stressoren auf die Paarbeziehung, junge Paare mit Optimierungsdruck oder zum Beispiel mit der Frage, ob die Beziehung wegen fundamentaler Unterschiede nicht gleich zum Scheitern verurteilt ist, oder weil die Sexualität nicht gelingen will.
Sind über die letzten Jahre Veränderungen in den Themen und Anliegen der Paare festzustellen?
Viele Paarthemen sind ewige Themen: Konfliktmuster, Entwicklungsübergänge, sich verändernde und diskrepante Bedürfnisse, Umgang mit Belastungen. In den letzten Jahren bekomme ich vermehrt Anfragen, Paare beim Experimentieren mit nichtmonogamen Beziehungsformen zu unterstützen. Der Einfluss der Pandemie als Belastungsfaktor hat in meiner Praxis zu zweierlei Beobachtungen geführt: Viele Paare im Konflikt unterschätzten aus meiner Sicht, wie viel Spannung die pandemiebedingten Belastungen mit sich brachten. Sie erlebten es als reinen Paarkonflikt mit den entsprechenden wechselseitigen Vorwürfen. Andere polarisierten sich um zugespitzte Wertekonflikte. Ein hoher Anspruch an Gleichberechtigung in der Beziehung und das Scheitern daran in der Familienphase sind nicht neu, aber zeitgenössisch. Insgesamt sind die Erwartungen von Menschen an ihre Paarbeziehung heute sehr hoch. Suboptimale Bedingungen werden nicht gut ausgehalten. Müssen sie ja auch nicht. Aber die Erwartung, dass die Paarbeziehung mir ungetrübtes Glück bescheren soll, ist kein nützlicher Massstab.
Was sind die Besonderheiten der systemischen Paartherapie? Was unterscheidet sie von anderen Ansätzen?
Das ist eine gute Frage. Sie kann, je nachdem, wen Sie fragen, unterschiedliche Antworten hervorbringen. Auf den ersten Blick könnte man sagen: Zirkuläre Sichtweisen auf Konfliktmuster legen doch alle Paartherapieansätze zugrunde, sind sie dann nicht alle systemisch orientiert? Das ist keineswegs so. Konstruktivistisches und kontextbezogenes Denken sowie Veränderungsneutralität sind für mich zentrale Besonderheiten gegenüber anderen paartherapeutischen Ansätzen. Lange Zeit waren sie für mich selbstverständlich, über die Jahre schätze ich die systemischen Herangehensweisen immer bewusster. Sie lassen Raum, sind wandelbar und dennoch präzise und für eine ganze Bandbreite von Fragestellungen und Konflikten tauglich.