Wo kommen Mediationen heute überall zum Einsatz?
Mediationen waren in der Schweiz am Anfang vor allem bei Familienkonflikten gebräuchlich. Hier war auch die Anerkennung am grössten. Im Verlaufe der Zeit hat sich dann gezeigt, dass es noch andere Konfliktfelder gibt, in denen diese Methode erfolgreich sein kann. Mittlerweile kommt Mediation in der Gesellschaft und im privaten Bereich breit zum Einsatz. Das kann zum Beispiel bei der Nachfolgeregelung in KMUs oder in Bauernbetrieben sein. Da geht es vor allem um die Mediation zwischen verschiedenen Generationen. Ein grosses Potenzial sehe ich beim Einsatz von Mediationen im betrieblichen Kontext, quer durch alle Branchen hindurch. Heute mediieren wir bei unterschiedlichsten Konflikten in sozialen Einrichtungen und Institutionen im Gesundheitswesen genauso wie in grösseren Unternehmungen, im Schulwesen oder in der öffentlichen Verwaltung. Ein bedeutendes Feld sind auch Konflikte im Bauwesen, in der Nachbarschaft und zunehmend auch bei schwierigen politischen Partizipationsprozessen.
Du hast in letzter Zeit den Fokus auf innerbetriebliche Konflikte gelegt.
Wie sehen hier typische Fälle aus?
Die Konflikte sind sehr breit gefächert, meist liegen sie aber innerhalb von Teams oder Organisationen. Konflikte zwischen einzelnen Mitarbeitenden wirken sich schnell auf das ganze Team aus. Da ist es für mich – systemisch gesehen – hilfreich, schon im Vorfeld im Sinne einer Auftragsklärung in Erfahrung zu bringen, wie weit der Konflikt bereits eskaliert ist. Wie lange dauert er schon an? Wer ist davon betroffen? Wer hat ein Interesse an der Klärung oder an der Aufrechterhaltung des Konflikts? Wo sind Ressourcen vorhanden, die zur Klärung beitragen könnten, und wie kann ich alle wichtigen Personen in die Mediation miteinbeziehen? Häufige Anfragen betreffen Konflikte zwischen zwei Mitarbeitenden oder zwischen einem Vorgesetzten und einem Mitarbeitenden. Es kann aber auch sein, dass es sich um Konflikte zwischen Teams oder Führungskräften handelt.
Kann Mediation denn auch bei einem Konflikt funktionieren, bei dem die beiden Parteien in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen?
Ja, das ist sehr wohl möglich. Es muss dann sorgfältig eruiert werden, welche Themen des Konflikts überhaupt in diesem Setting mediiert werden können. Es lohnt sich in solchen Situationen, auch die Frage zu stellen, ob für die Lösung dieses Konflikts nicht eher ein Entscheid seitens des Vorgesetzten angebracht wäre. Zudem erkundige ich mich bei solchen Aufträgen explizit immer nach dem Ziel und der Ergebnisoffenheit für eine Mediation.
Macht Mediation Sinn, wenn die Problematik nicht bei den beteiligten Personen angesiedelt ist, sondern in strukturellen Problemen des Arbeitgebers begründet ist?
Mediation kann in einem solchen Fall möglicherweise bewirken, dass die Parteien zum Schluss kommen, dass ein Teil ihres Konflikts strukturell bedingt ist. Wenn die Leitung Bereitschaft zeigt, diesen Input entgegenzunehmen, dann kann eine Mediation auch als Team- und Organisationsentwicklung angesehen werden – oder zumindest Auslöser für eine Organisationsentwicklung werden. Deshalb stelle ich bei der Auftragsklärung mit dem Auftraggeber stets die Frage: Falls sich im Verlaufe der Mediation herausstellen sollte, dass der Konflikt auch strukturell bedingt sein könnte, wären Sie daran interessiert, dies zu erfahren? Bis anhin habe ich auf diese Frage noch nie ein Nein bekommen. Tritt dieser Fall ein – was übrigens recht häufig ist –, ist es wichtig, am Ende der Mediation mit den direkt Beteiligten zu erarbeiten, was dann wie und durch wen an die Auftraggeberin zurückgemeldet werden soll. Häufig kann dies durch die direkt Beteiligten selbst erfolgen, und zwar in einem vom Mediator moderierten Feedbackgespräch.
Gerne wird auch von einer mediativen Haltung gesprochen. Was muss ich mir darunter vorstellen?
Es ist zum einen eine systemische Grundhaltung, dass ich nicht für den Inhalt, sondern für den Prozess verantwortlich bin. Zum anderen versuche ich als Mediator den Konfliktbeteiligten nicht wertend, sondern wertschätzend zu begegnen und dabei stets meine Allparteilichkeit zu wahren. Das ist gar nicht so einfach!
Ich denke manchmal, oje, mit dieser Person hätte ich wohl auch ein Problem. Wenn mir dies widerfährt, dann bin ich jedoch mit meiner Aufmerksamkeit bei mir und mit meinen Emotionen beschäftigt und dementsprechend verliere ich meine Klienten aus dem Fokus. In einer solchen Situation hilft mir eine Haltung der Neugier, um mich wieder ganz den Klienten zuwenden zu können. Ich denke dann beispielsweise: Diese Person wird im Moment wohl ihre guten Gründe haben, dass sie sich genau so verhält, wie sie sich verhält, und genau diese Gründe, die interessieren mich jetzt. So komme ich wieder zu den Interessen und Bedürfnissen meiner Klienten zurück, auf eine wertschätzende Art und Weise.