Peter: Ich denke, es ist entscheidend, nicht aus guter Absicht zu meinen, wir müssten oder könnten etwas oder jemanden heilen. Hauptakteure bei jeglicher Heilung sind immer noch die autopoietischen Selbstheilungskräfte der Menschen, die zu uns kommen. Da macht es Sinn, sich zu verbünden und gemeinsam diese heilenden Kräfte zu entdecken und in die vorausgehende Überlebenskunst zu integrieren. Dann entstehen Entwicklungs-, Wachstums- und Bereicherungssysteme. Institutionelle Kampfhandlungen wie «Gemeinsam gegen die Essstörung» sind weder systemisch noch gesund.
Die Gefahr, zwar «systemisch» ans Türschild zu schreiben, aber dann doch im klassischen medizinischen Denken gefangen zu bleiben, bemerken wir auch in der Psychotherapieweiterbildung am IEF. Die Sehnsucht der Studierenden nach «den richtigen Tools» ist spürbar. Und auch vom BAG wird explizit «störungsbasierte Wissensvermittlung» gefordert ist. Auch dort ist es ein Balanceakt, den geforderten Richtlinien zu genügen und sich gleichzeitig ganz frei davon zu machen.
Mirjam: Das sehe ich genauso. Wir sind in der Psychotherapieausbildung zunächst auf der Suche nach einer gewissen Sicherheit, quasi nach einem Geländer, an dem wir uns festhalten können. Ich weiss nicht mehr, wann das bei mir genau passiert ist, dass ich mich davon ein Stück weit lösen konnte. Heute ist in dieser Sache mein Motto: «Das eine tun, und das andere nicht lassen.» So versuche ich, den Spagat im Spannungsfeld hinzukriegen, und das bedeutet, dass wir in die für mich so wichtige – vorhin erwähnte – Auseinandersetzung kommen.
Peter: Das finde ich sehr gut, aber das Spannungsfeld bleibt zunächst. Wenn man zum Beispiel das störungsspezifische Wissen auch liefert, dann geht es doch in eine falsche Richtung. Der Begriff «störungsbasiertes Wissen» suggeriert, es handle sich um eine Störung und es gäbe ein allgemeingültiges spezifisches Wissen zur Behebung.
Mirjam: Für mich bedeutet dieses Spannungsfeld, dass wir das störungsspezifische Wissen übersetzen und auf einer Metaebene einordnen sollten, damit wir dann darüber reflektieren können. Das ist ein grosser Anspruch, aber wir können zumindest versuchen, das so zu jonglieren. Das meine ich im Sinne von, das ist mein aktueller «Stand des Unwissens».
Peter: Ich habe da auch keine perfekte Lösung. Ich merke einfach, dass ich immer sensibler auf jede Form von impliziten Suggestionen, die für die gewünschten Veränderungen in die falsche Richtung gehen, reagiere. Störungsspezifisches Wissen ist für mich als Begriff eine hinderliche Suggestion, umso mehr, wenn Therapiemanuale darauf aufbauen.
Mirjam: Für mich ist das ein Ideal, das wir anstreben sollten. Aber ich würde eher den Diskurs mit den Klient:innen ins Zentrum stellen, denn er regt zur Auseinandersetzung an. Und so können die Klient:innen selber in eine Auseinandersetzung mit dieser Störungsorientierung gehen. Da kann schon hilfreich sein, einfach ein Fragezeichen hinter einen Begriff zu setzen, damit ein Spannungsfeld entsteht. Oder wir setzen die «Störung» in Anführungszeichen, damit wir sig- nalisieren, dass sie keine Wahrheit ist und auch hinterfragt werden darf.