Nervenzellen und in den Zellen ihrer hormonproduzierenden Organe. Dank Epigenetik habe ich also gelernt, dass wir Gesundheit völlig neu betrachten müssen und dass wir auch die Vergangenheit, die Kindheit, Erfahrungen aus vorherigen Generationen berücksichtigen müssen. Gesundheit ist ein sich über viele Generationen fortsetzender Prozess.
Das ist für Psychotherapeut:innen ja nichts Neues. Aber das Spannende an der Epigenetik ist, dass wir das jetzt molekularbiologisch messen können. Das ist auch für die Psychotherapie eine enorm wichtige Botschaft, weil ihre Erfolge dadurch sichtbarer und erklärbarer werden. Was die Molekularbiologie messen kann, hat nun mal in unserer Gesellschaft eine höhere Bedeutung. Und die damit verbundenen Biomarker sind für die Therapieforschung, für das Hinterfragen und Überprüfen der Methoden wichtig. Oder anders gesagt: Auch die Epigenetik liefert knallharte Daten, mit denen man einen digitalen Zwilling füttern würde. Und so ist das Systembiologie-Buch eigentlich nur die Fortsetzung meiner Epigenetik-Bücher.
Sie haben sich ja auch wissenschaftlich und publizistisch intensiv mit dem Schlaf und der Schlafforschung auseinandergesetzt. Gibt es einen roten Faden, der dieses Forschungsfeld in einen Bezug zur Epigenetik und zur Systembiologie bringt?
Der rote Faden ist die Bedeutung all dieser Themen für die Prävention. Der Schlaf ist ein extrem wichtiges und absolut unterschätztes Phänomen. Er ist eine Ressource für Resilienz, für psychische Stabilität, aber auch für körperliche Gesundheit. Das wissen wir alle. Aber warum hat die Evolution den Schlaf überhaupt erfunden? Er ist ja eigentlich ein absurder Zustand. Wir schalten unser Wachbewusstsein ab und sind bedroht in dieser Situation. Wir müssen schlafen, zuallererst, damit unser Gehirn funktioniert und damit wir ein Gedächtnis und überhaupt ein Bewusstsein haben. Ohne Schlaf gäbe es kein Bewusstsein. Und das Bewusstsein ist der Film, der uns durchs Leben geleitet, ist der Film, den wir selbst produzieren, damit wir Vorhersagen über auf uns zukommende Situationen machen können.
Das Bewusstsein macht letztlich nichts anderes als die Systembiologie, nur vor einem anderen Zeithorizont. Auf der Basis der Erfahrungen aus der Vergangenheit entstehen mithilfe von gegenwärtigen Sinneseindrücken oder Daten Vorhersagen, was uns als Nächstes erwartet. Die Systembiologie kann dabei sehr viel weiter schauen. Und das hilft der Prävention.
Sie sprechen gerne auch von einer «Präventionsgesundheit». Was können wir uns darunter vorstellen?
Wir müssen als Gesellschaft lernen, Prävention zu leben. Wir haben es in der Pandemie gesehen und sehen es bei der Klimakatastrophe: Es ist für uns Menschen enorm schwierig, mit Dingen umzugehen und so zu handeln, dass wir langfristig profitieren, also in einem Zeitfenster, das über unser aktuelles Bewusstsein hinausgeht. Dafür ist unsere Biologie nicht ausgelegt. Wenn ich heute entscheide, ich schlafe mehr und besser, dann ist das gut für meine Gesundheit. Das wirkt sogar noch in vielen Jahren. Und es ist vielleicht sogar gut für die Gesundheit meiner Kinder. Wenn ich entscheide, kein Fleisch mehr zu essen, ist das gut für das Klima vielleicht der nächsten Generation. Aber solche Entscheidungen muss ich aus dem Verstand heraus treffen und nicht aus meinem Bewusstseinsfilm, der mir gerade erzeugt wird. Der sagt mir nämlich: Fleisch ist lecker und wieso soll ich jetzt schlafen und auf die tolle Party heute Nacht verzichten? So ticken wir ja in Wahrheit.
Die Wissenschaft findet Dinge über uns heraus, die wir auf der Basis unserer Intuition nicht verstehen. Das tut manchen Psychologen*innen und vor allem den Esoterikern total weh, wenn man sie mit dieser Tatsache konfrontiert, dass unsere Intuition uns oft auch in die Irre leitet. Das hat damit zu tun, dass wir nun mal biologisch wie in der Steinzeit ticken. Ich habe keinen Messfühler dafür, ob ich ausreichend schlafe. Wenn ich gar nicht geschlafen habe, merke ich das. Aber wenn ich jede Nacht eine halbe Stunde zu wenig schlafe, merke ich das nicht. Ich habe auch keinen Fühler dafür, ob ich im richtigen Rhythmus schlafe. Solche Dinge waren für Steinzeitmenschen keine relevanten Probleme. Wir müssen also eine Technik entwickeln, wie wir unsere Intuition, die ja sehr wichtig ist und meist sehr gut funktioniert, noch ein wenig verbessern können. Dabei können uns die Wissenschaft und Big Data helfen. Und damit sind wir wieder bei der Systembiologie.
Herzlichen Dank für das Gespräch.