Martin Willi: Genau, dieser Lebenserfahrung und der Tatsache, dass jede und jeder an einem eigenen Punkt im Leben steht, wollen wir Rechnung tragen und unseren Studierenden als selbstverantwortlichen Menschen begegnen bzw. ihre Selbstverantwortung auch fördern.
Anna Gunsch: Das zeigt sich auch darin, wie die Teilnehmenden das, was sie in einem Seminar erfahren haben, bearbeiten und verarbeiten. Es gibt am Schluss der Weiterbildung keine Prüfung im engeren Sinne, sondern wir arbeiten mit einem Lerntagebuch und einem Portfolio. So kann viel Eigenes einfliessen, es können eigene Schwerpunkte gesetzt werden. So ergibt sich eine grosse Diversität und ein ungeahnter Reichtum in den Präsentationen der Abschlusskolloquien. Zudem versteht sich das IEF ja als selbstorganisierende Organisation. Das ist auch eine Herausforderung; Selbstorganisation bedeutet Aufwand – ein Lerntagebuch zu führen und ein Portfolio zu schreiben, ist aufwendig – und bringt ganz viele Vorteile.
Martin Willi: Genau, der Lerneffekt ist viel grösser. Und jeder hat wiederum – auch durch den Praxisbezug – die Möglichkeit, die eigenen Ressourcen zu entfalten. Indem die Studierenden immer wieder an ihre eigene Lebenswelt anknüpfen, lernen sie nicht frei flotierendes Wissen, wie das vielleicht an einer Universität der Fall ist, sondern ein Wissen, das synthesefähig und integrierbar ist. Wichtig ist die Synthese von Theorie, Supervision und Selbsterfahrung.
Anna Gunsch: Es geht auch um den Dialog, der entsteht, wenn man ein Thema gemeinsam erarbeitet. Die Teilnehmenden können in den Seminaren mitentscheiden, ob sie mehr Praxis, mehr Übungen wollen, und sie geben Feedback, in welchen Situationen sie Schwierigkeiten erleben. Zur Philosophie des IEF gehört immer auch die Augenhöhe zwischen Dozierenden und Teilnehmenden, die gemeinsam daran arbeiten, ein Seminar zu gestalten. Diese Augenhöhe kann die fachlichen und persönlichen Ressourcen der Teilnehmenden hervorragend unterstützen und fördern.
Martin Willi: Du meinst also, dass die Atmosphäre hier im Haus und im Weiterbildungslehrgang geprägt ist von Wertschätzung und Anerkennung. Wir setzen die Fähigkeit zur Problemlösung, zur Entscheidung und zum autonomen Verhalten voraus. So lernen sie in unserem Lehrgang, was sie später als Therapeutin oder Therapeut auch leben. Die Teilnehmenden konnten nach eigenen Interessen Schwergewichte legen und wurden angehalten, selbst Entscheidungen zu treffen.
Anna Gunsch: Und es funktioniert. Wir gehen davon aus, dass die Studierenden die heutigen Erfahrungen schon morgen in ihr berufliches Schaffen integrieren können.
Das Gespräch zwischen Anna Gunsch und Martin Willi wurde publiziert im IEF-Magazin Nr. 8, Frühjahr 2019.