Wenn man die Befunde zu den nicht technikbezogenen Wirkfaktoren ernst nimmt, dann sind es vor allem die Bedingungen jedes einzelnen Therapiefalls und jeder einzelnen therapeutischen Begegnung, die über die Effektivität und das Gelingen eines Prozesses entscheiden. Es ist also dieser spezifische Klient, diese spezifische Therapeutin, dieses spezifische Umfeld, auf das es ankommt. Damit ist klar, dass die Therapieverläufe und -ergebnisse im Einzelfall angeschaut werden müssen, weil sie auch im Einzelfall aus dem nichtlinearen Zusammenwirken der beteiligten Faktoren und Bedingungen entstehen. Jeder Verlauf ist anders, individuell und komplex. Es stellt sich damit weniger die Frage, ob Psychotherapie an sich wirkt, sondern ob diese konkrete Psychotherapie wirkt und wie sie verläuft.
Wo liegen Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte?
Ein Schwerpunkt liegt in der Frage, wie Psychotherapie funktioniert. An unserem Institut haben wir an einer Theorie der Psychotherapie gearbeitet, welche das nichtlineare Zusammenspiel einiger wichtiger Faktoren der psychischen Entwicklung von Klient:innen formal, das heisst in mathematischen Gleichungen, darstellt und es damit möglich macht, psychotherapeutische Verläufe am Computer zu simulieren. Was es zu erklären gilt, ist nicht nur der Effekt, sondern auch der Prozess, der oft sprunghafte Musterwechsel und chaotische, das heisst komplexe und nur begrenzt vorhersehbare Dynamiken aufweist. Berücksichtigt
man den von den Klient:innen erlebten «Input» – das heisst ihre konkreten Erfahrungen und deren Impact auf erlebte Therapiefortschritte oder ihre Veränderungsmotivation, einige Persönlichkeitsmerkmale und Kompetenzen, den Verlauf der therapeutischen Beziehung und die Startbedingungen der Faktorendynamik –, so kommt der simulierte Therapieverlauf dem tatsächlich gemessenen erstaunlich nahe. Die genannten Bedingungen des Einzelfalls erlauben es, die Therapie spezifisch an die Klient:innen anzupassen.
Das Auftreten von chaotischen Dynamiken und kritischen Instabilitäten im Verlauf von Psychotherapien legt uns nahe, Entwicklungen individuell zu betrachten und das Vorgehen auf den einzelnen Prozess abzustimmen, was zu einer personalisierten Psychotherapie führt. Hierfür haben wir das Internet- und App-basierte «Synergetische Navigationssystem» entwickelt, welches mithilfe von meist täglichen Selbsteinschätzungen der Klient:innen Verlaufsmuster sichtbar macht. Die Therapeut:innen können am Bildschirm sehen, wie sich der Prozess entwickelt, ob er sich einer kritischen Instabilität nähert, wie unterschiedliche Facetten des Erlebens der Klient:innen aufeinander bezogen sind und welche Muster sie realisieren. Diese aktuellen Prozessmuster werden mit den Klient:innen regelmässig besprochen und in die weitere Therapieplanung einbezogen.
Ein weiterer Aspekt unserer Forschung richtet sich auf Veränderungen neurobiologischer Aktivitätsmuster im Therapieverlauf, wobei es hier Projekte zu Zwangsstörungen und zu Depression gibt. Schliesslich führen wir auch Praxisprojekte mit verschiedenen Kliniken durch, bei denen es um die Anwendung des synergetischen Prozessmanagements bei unterschiedlichen Patientengruppen geht. Die Methode der idiografischen Systemmodellierung, ein detailliertes grafisches Verfahren der systemischen Fallkonzeption, wurde dabei weiterentwickelt. Systemmodelle lassen sich nun auch am Smart Board oder an einem Computerbildschirm gestalten und bearbeiten.
Wie unterscheidet sich das alles von einem klassischen diagnose- und störungsorientierten medizinischen Standardmodell?
Eine Klassifikation in diagnostische Kategorien ist für das systemische Paradigma weder zu wissenschaftlichen noch zu praktischen Zwecken notwendig. Die explizite Einzelfall- und Prozessorientierung führt zu einer personalisierten Therapie, welche die persönlichen Entwicklungsprojekte der Klient:innen optimal fördert. Das erlaubt eine Ent-Pathologisierung und wechselt den Fokus von der Klassifikation zur Prozessdiagnostik. Diagnosen können als Patientenmerkmale berücksichtigt werden, wenn es für bestimmte Fragestellungen sinnvoll erscheint, müssen aber nicht. Während das medizinische Modell Interventionen und Behandlungsstrategien vorwiegend an der Diagnose festmacht, orientiert sich ein systemisches Vorgehen mit seinen Mikroindikationen an der Fallkonzeption und am Prozess. Die Interventionen werden nach bestimmten Kriterien passgenau ausgewählt, wobei es zunächst mal keine Einschränkung der wählbaren Interventionen gibt. Das bedeutet, dass ein systemisches Vorgehen nicht über bestimmte Arten von Intervention definierbar ist, sondern über die Art der Prozessgestaltung. Grundsätzlich sehen wir den Fortschritt von Therapien weniger als Reaktion auf Interventionen im Sinne eines Input-Output-Mechanismus, sondern als selbstorganisierenden Prozess der Klienten*innen.
Kann man psychotherapeutische Effekte zum Beispiel auch mit neurobiologischen Methoden messen?
Ja, wir können psychotherapeutische Effekte und auch Prozesse mit neurobiologischen Methoden messen. Im Grunde eignen sich dafür alle Verfahren, welche neurophysiologische Prozesse und funktionelle Neuroanatomie nichtinvasiv erfassen. Wenn Psychotherapie die Kognitions-Emotions-Muster und das Verhalten ändert, dann müsste sich auch die entsprechende Physiologie und Neurodynamik ändern – was offensichtlich der Fall ist. Effekte finden sich nicht nur im zentralen Nervensystem, sondern in verschiedenen physiologischen und biochemischen Systemen des Körpers. In einer eigenen Studie zur Therapie von Zwangsstörungen konnten wir zeigen, dass sich neuronale Aktivierungsmuster im Therapieprozess ähnlich diskontinuierlich wie psychologische Verläufe ändern, sich Ordnungsübergänge also synchron in der neuronalen Aktivierung und in der mentalen Dynamik ereignen.
Inzwischen richtet sich das Forschungsinteresse nicht mehr nur auf die lokale Aktivierung neuroanatomischer Strukturen, sondern auch und vor allem auf die funktionelle und effektive Netzwerkdynamik des Gehirns. Im Bereich der funktionellen Konnektivität gibt es inzwischen eine hoch entwickelte Methodologie der Modellierung von dynamischen Synchronisationsmustern zwischen Hirnarealen, die im Ruhezustand ebenso wie mit spezifischer Stimulation beobachtet werden. Ein Befund zeigt zum Beispiel, dass sich eine pathologisch eingeschränkte, rigide Funktionsweise neuronaler ebenso wie psychologischer Systeme im Laufe einer Therapie flexibilisiert und wieder adaptiver wird.