Was zeichnet die Qualitätsmessung mit dem «Synergetischen Navigationssystem» (SNS) aus, mit dem das IEF seit letztem Jahr arbeitet?
Ich bin überzeugt, dass SNS eine sehr gute Sache ist. Dieses System ist sehr breit einsetzbar, da es sich an den generischen Prinzipien der Selbstorganisation orientiert. Und diese generischen Prinzipien bilden ein schulenübergreifendes Veränderungssystem. In der Darstellung ist SNS wie ein bildgebendes Verfahren. So kann am Bildschirm schnell und praxisnah erfasst werden, wo es Veränderungen gibt und wo keine. SNS kann sicher systemische Prozesse sehr gut abbilden. SNS funktioniert auf einer App, was der jüngeren Generation sicher zusätzlich entgegenkommt. Aber die Implementierung braucht natürlich eine nicht zu unterschätzende Vorleistung.
Entscheidend aber ist, dass SNS sowohl ein Prozess- wie auch ein Ergebnisinstrument ist. Mit SNS wird der Therapieprozess laufend integral und transparent evaluiert. Patient*innen und Therapeut*innen können die Veränderungsprozesse anschauen, diskutieren und zusammen durch den Prozess navigieren. Genau so muss gelingende Qualitätssicherung funktionieren: Es braucht eine Rückkoppelung der Resultate in den Therapieprozess.
Das wäre dann der Mehrwert, der die Qualitätssicherung für die psychotherapeutische Praxis bringen kann?
Der wichtigste Mehrwert ist, dass eine zusätzliche, neue Erkenntnisquelle dazukommt, die es dem Therapeut*innen- und dem Klient*innensystem ermöglicht, mit einem Dritten, also den Resultaten aus den Beurteilungen, die man sich gegenseitig macht, einen Diskurs führen zu können. Das ist Prozessnavigation im besten Sinne. Dank der Aussenperspektive kann auf einer Metaebene ein gegenseitiges Reflektieren und Validieren stattfinden. Es herrscht eine Haltung der totalen Transparenz. Ein solches Qualitätssicherungssystem schafft für die Therapeut*innen einen Mehrwert, weil es zu einem Teil der professionellen Augenhöhehaltung wird. Deshalb bin ich überzeugt, dass ein Qualitätssicherungssystem das auch Prozessevaluationen beinhaltet, unbedingt in die Psychotherapieausbildung integriert werden sollte.
Wie würden Sie die Entwicklung der Wirksamkeitsmessung von Psychotherapie – insbesondere systemischer Psychotherapie – in den letzten zehn, zwanzig Jahren beschreiben? Und wohin geht der Trend?
Ich habe schon vor zwanzig Jahren gesagt, die Qualitätssicherung wird sich jetzt dann gleich durchsetzen. Es ist aber immer noch nicht geschehen. Das Anordnungsmodell bringt jetzt sicher einiges in Bewegung. Zudem stelle ich erfreut fest, dass die jungen Klient*innen mit sehr viel Vorinformationen zu uns kommen, viele kritische Fragen stellen und wirklich wissen wollen, um was es geht.
Dass Psychotherapie über die Grundversicherung abgerechnet werden kann, ist sicher ein Meilenstein. Aber ich bin relativ sicher, dass irgendwann die Ökonomie, sprich die Krankenkassen, und das politische System merken, wie gross der tatsächliche Bedarf an Psychotherapie ist. Das wird dazu führen, dass dann noch sehr viel genauer hingeschaut wird, was an Psychotherapie notwendig, indiziert und wirklich wirksam ist. Deshalb dürfen wir Psychotherapeut:innen nicht warten, bis wir unsere Legitimation beweisen müssen, sondern wir sollten in «vorauseilendem Gehorsam» das Feld selber besetzen und selbstbewusst definieren, was für uns Qualität ausmacht. Das können wir ganz gelassen angehen, denn in allen Studien, die ich begleitet habe, waren die Resultate ähnlich: Wir sind ziemlich gut! Zum Beispiel liegen die Werte der Zufriedenheit mit der Psychotherapie immer über 90%. Wir müssen uns nicht verstecken! Ich habe viel mehr Angst vor Fremddefinition mit irrationalen und unrealistischen Vorgaben, die uns in die Defensive drängen.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch wurde im IEF Magazin Nr. 17 im Herbst 2023 publiziert.