Ich merke, wenn ich selber in diesem inneren Dialog bleibe zwischen der Sehnsucht nach vertikalen, hierarchischen Strukturen, wo alles nach Ansage funktioniert, und eher horizontalen Strukturen, wo ich versuche, um einen gemeinsamen Feuerplatz so viel wie möglich durch Aushandlungsprozesse mit zu moderieren und nicht zu bestimmen, wo’s langgeht, dass das auch ein ständiger Aushandlungsprozess in mir selber ist.
Das wäre auch gleich meine nächste Frage: Ist dieser Prozess überhaupt ohne hypnosystemischen Hintergrund oder spezielle Vorbildung möglich? Beispielsweise in der Küche oder in anderen Arbeitsbereichen?
Ich habe den Eindruck, dass die sogenannten mittherapeutischen Teams, dass die Leute, die nicht vorgebildet sind in diesem hypnosystemischen, psychotherapeutischen Geschehen, manchmal viel intuitiver und klarer das, was wir als Hypnosystemik dort leben, aufgreifen als manche Therapeut:innen. Gerade für Psychotherapeut:innen und Ärzt:innen ist es zuweilen viel schwieriger, diese Räume zu betreten, während jemand, der oder die mit einem gesunden Menschenverstand, womöglich eine Familienmutter, zu uns in den Service kommt, dann häufig viel einfachere und schlichtere Zugangsweisen hat zu dem, was eigentlich dem Leben dient. Die lernen oft ganz schnell, so wie ich etwas ankucke, so kommt’s mir auch entgegen. Ich bin immer wieder begeistert, wie gerade die mittherapeutischen Leute dieses Grundkonzept manchmal viel tiefer und schneller verinnerlichen. Ich habe immer davon geträumt, auch in der Medizinlandschaft Räume zu kreieren, die gesundheitsförderlich sind. Wo die regenerativen Kräfte, die in jedem Organismus selbstverständlich und lebenserhaltend wirken, endlich bewusster genutzt werden. Viele Prozesse, Kulturen und Träume kreieren wir leider immer noch, indem wir Atmosphären schaffen, wo die Aufmerksamkeit so stark auf Defizite orientiert ist, dass das geradezu in den Räumen hängt. Von der Art, wie das steril gehalten wird, die Art und Weise, wie Mitmenschlichkeit zum Beispiel durch Medien geregelt wird, die angeblich auch besser diagnostizieren als Menschen. Wir haben immer mehr Räume, wo ich den Eindruck habe, es wird kühl. Wenig Atmosphäre, wenig Möglichkeiten, diesen fast natürlichen Sehnsuchtsraum zu bedienen, uns als Ich-Mensch /Du-Mensch begegnen zu können.
Anders formuliert, wenn ich 100% Sicherheit haben möchte, muss ich das Feuer löschen.
Absolut. Das ist eine wunderbare Metapher. Wenn wir das aber nicht wollen, sondern das Feuer erhalten wollen, ein Feuer, das sogar vielleicht noch sinnstiftend wirkt, dass auch du und ich leuchtende Augen behalten bei unserer Arbeit, müssen wir aufpassen, dass sich das nicht durch innere Widersprüchlichkeiten zerreibt. Wenn man sich als selbstregulierende Struktur mit Selbstführungsideen denkt, dann können wir uns so aufbauen, dass wir, egal in welchen Kontexten wir unterwegs sind, zumindest ein bisschen mehr zu einer Welt beitragen können, in der es flachere Hierarchien mit beschreibbaren Rollen und sogenannte Augenhöhe-Strukturen gibt. Wenn ich mich als «Viele » beschreibe, das haben wir bei sysTelios durchbuchstabiert, dann bin ich ja nicht immer Geschäftsführerin; ich kann das sprachlich differenzieren. Ich kann durchaus zu meinen Leuten im Raum sagen: «Jetzt trete ich als Geschäftsführerin auf.» Da sollte ich auch einmal das eine oder andere konturierend reingeben, muss ich auch. Fünf Minuten später bin ich aber eine andere. Das wurde nicht von Anfang an verstanden, manchmal musste ich den Stuhl wechseln, einmal musste ich mir sogar einen Schal umbinden, damit sie spüren konnten, dass ich jetzt als Ich- Mensch /Du-Mensch Mechthild dasitze. All diese Vorstellungen, die aus hierarchischen Strukturen stammen, haben mich nie befriedigt, weil man als Führungsperson einsam wäre. Wenn wir für eine gemeinsame Sache unterwegs sind, dann hüten wir dieses Feuer auch gemeinsam. Und dann bin ich als Geschäftsführerin oder als Unternehmerin eine unter vielen.
Man könnte auch sagen, Hierarchien sind per se nicht das Problem, wenn man Hierarchie gleichsetzt mit Verantwortung. Wenn ich eine sogenannt höhere Position habe, habe ich mehr Verantwortung fürs Feuer und muss dann vielleicht auch mehr oder anderes beitragen zum Feuer.
Genau, und wenn ich jetzt gar nicht mehr in den Kategorien oben und unten denke, sondern eher innen und aussen oder eben Zentrum und Peripherie, dann fände ich das als Bild noch spannender und auch einladender, nachzuvollziehen, was mit solchen eher selbstregulierenden oder flacheren Strukturen gemeint sein könnte. Ein Bild, das ich gerne benutze, ist eine Art atmendes Kugelwesen. Ich habe einen Ball, den man aufspannen kann, und darüber wird schlagartig deutlich, dass das eine vollkommen andere Denke ist und damit natürlich auch eine andere Bebilderung. Ähnlich wie unser Planetensystem deutet es dabei eher auf eine Kugelstruktur hin, bei der es immer eine Mitte braucht, auf die sich alles bezieht. Mit diesem Bild liesse sich auch genauer erkennen, was eher zentrifugale und was eher zentripetale Kräfte wären. Und dafür eine Metastruktur des Beobachtens zu entwickeln: Was wirkt wie? Und das fängt erst einmal bei einem selber an.
Wir könnten uns eure Klinik als ein Planetensystem für atmende Kugelwesen vorstellen?
Ja, das ist so faszinierend, weswegen ich glaube, dass das auch Zukunft hat. Wenn man an gesundheitsförderliche Kontexte denkt und die künstlich konstruieren will, dann braucht man etwas, das nicht vorhersagbar ist. Wir brauchen eine Kultur, in der wir Sicherheit aus Unsicherheit beziehen. Also eine hohe Flexibilität und darin nur so viel Sicherheit, dass nicht jeder den Eindruck hat, dass sich im nächsten Moment alles auflösen könnte. Das kriegen wir bei sysTelios, wie ich finde, erstaunlich gut hin. Wir haben jetzt 180 Mitarbeiter, viele Substrukturen und im Sinne von Fraktalen eine Selbstähnlichkeit der kleinsten Struktur bis hin zur grössten. Also immer dieses Bild, das ich eingangs so gezeichnet habe, der Mitte und darum herum gruppieren sich ein paar Leute. Wir haben im Ganzen acht therapeutische Gruppen. Das sind kleine Teams bestehend aus einem Gruppenarzt, ein, zwei psychologischen Psychotherapeuten, Musik-, Kunst- und Körperpsychotherapeuten und einem Physiotherapeuten. Diese bilden also ein Kleinteam, welches sich um eine gute hypnosystemisch orientierte Arbeit gruppiert.