Petra: Die Kleinsten kommen meist zuerst dran, wenn eine Frage gestellt wird. Die Kinder sind eine enorm wichtige Ressource. Wir staunen oft, was für bemerkenswerte Rückmeldungen Kinder zu den Prozessen geben. Wir hatten zum Beispiel in einer ambulanten Gruppe zweijährige Kinder, die in der Ecke mit Teddybären spielten. Als in der Gruppe etwas geschah und ein grösseres Kind weinte, da brachte ihm das Zweijährige einfach den Teddy. Da musst du nicht mehr viel sagen, die Eltern erleben, wie das wirken kann. Dann können wir über das kleine Kind mentalisieren und über den Teddy, den das grössere Kind vielleicht braucht. Unser Job ist es, Kontexte zu gestalten, in denen es den Familien möglich ist, solche Erfahrungen machen zu können. Sie erfahren auch, dass wir sie dabei nicht allein lassen. Wir reissen nicht einfach Themen auf und schicken sie dann nach Hause. Wir versuchen in der Gruppe einen «Schonraum» zu gestalten, in dem die Familien neue Prozesse üben und versuchen können, das Ganze nach Hause zu transferieren.
In welchen Kontexten arbeitet ihr mit MFT?
Petra: Wir setzen MFT in den unterschiedlichsten Kontexten im Gesundheits- und Bildungswesen ein, in Schule oder Kindergarten, in Familienzentren oder in ambulanten, stationären und teilstationären klinischen Angeboten. Dann gibt es auch verschiedene MFT-Angebote, die mit eigenen Bezeichnungen unterwegs sind, wie «Kinder aus der Klemme», «Familienklassen» oder «Kids time», ein Angebot für Familien mit psychisch kranken Eltern. Das Programm «Kinder aus der Klemme» halte ich für sehr MFT-ähnlich, obwohl wir da nicht immer mit den Kindern und den Eltern gleichzeitig in einem Raum arbeiten.
Wie kommen die Familien in eine MFT-Gruppe? Wie ist das mit der Freiwilligkeit respektive den Zwangskontexten?
Karin: Ich würde doch im Leben nie auf den Gedanken kommen, mich mit meinem Partner in eine Gruppenpaartherapie zu begeben – schon gar nicht freiwillig. Wenn aber mein Partner sagen würde, entweder du machst das oder ich trenne mich, dann wäre wohl eine andere Notwendigkeit sichtbar. Genauso geht es auch mit den Familien. Es braucht viel Zeit, bis sich Familien mit ihrer Thematik in so einer Gruppe zeigen und das Gefühl entwickeln, hier ist ein sicherer Ort. Es geht meist über die Kinder, die gerne kommen. Die Eltern werden häufig von Ämtern oder vom Familiengericht geschickt mit einer scheinbaren Freiwilligkeit im Sinne von: «Naja, sie sollten das schon mal machen. Es ist natürlich ein freiwilliges Angebot, aber wenn sie das jetzt nicht machen, müssen wir über andere Möglichkeiten nachdenken.»
Petra: Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, dass wir neue Familien mal zu einem unverbindlichen Besuch in der MFT-Gruppe eingeladen haben und sie mitlaufen liessen. Diese Familien sind alle wiedergekommen und ab diesem Moment war es ein Selbstläufer. Wir kommunizieren auch den zuweisenden Ämtern, dass die Familien mal vorbeischauen sollen, damit sie sehen, was MFT bedeutet. Wenn die Familien mal dabei sind, dann wollen sie gar nicht mehr gehen. Die Familien erleben solidarische Unterstützung, Entstigmatisierung, vielfältige gemeinsame Erlebnis- se und die Möglichkeit, durch Austausch mit anderen Familien neue Wege auszuprobieren. Diese Erfahrung ebnet den Weg zu Empowermentprozessen.
Heute bietet ihr selbst eine MFT-Weiterbildung an. Wie ist diese strukturiert?
Petra: Wir haben die Weiterbildung in den letzten Jahren immer wieder weiterentwickelt, da sich auch die Settings, die Familiensysteme und ihre Lebensthemen verändert haben. In der Weiterbildung behandeln wir in fünf Blöcken alle Themen, wie sie in MFT-Gruppen vorkommen: Der Beginn einer Gruppe, dann kommt es zu Konflikten und es entstehen Bindungen, es geht um Ressourcen und schliesslich entwickelt es sich zum Abschied hin. Die Teilnehmenden durchleben den ganzen Prozess. Was braucht es, um die Menschen am Anfang gut anwärmen zu können, dass sie gerne wiederkommen? Wie kann ich gut Ressourcen aus Familien herauskitzeln? Wie finden wir für alle Themen die richtigen Worte? Wie können wir, egal welches vielleicht schwierige Thema uns begegnet, dieses in den Familien besprechbar machen?
Wem würdet ihr die MFT-Weiterbildung empfehlen?
Karin: Ich würde die Weiterbildung dann empfehlen, wenn jemand die Möglichkeit hat, möglichst zeitnah mit Familiensystemen zu arbeiten. Sie brauchen noch kein Konzept dafür, aber sie sollten eine Möglichkeit oder eine Idee haben, dass MFT ein Teil ihrer Arbeit werden könnte. Zudem ist es gut, wenn die Teilnehmenden bereits ein gewisses Verständnis für die Grundlagen und die Praxis von systemischem Arbeiten haben, unabhängig von ihrem beruflichen Kontext. Wir haben meist sehr multidisziplinäre Ausbildungsgruppen mit Hintergründen in der Schule, in der Sozialpädagogik, der Psychiatrie und der ambulanten, teilstationären oder stationären psychosozialen Versorgung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.