Systemisches Denken ist ein Paradigma, das bereits in vielen Disziplinen Anwendung findet und sich weiter ausbreitet. Es beschäftigt sich mit der Vielzahl von Wechselwirkungen in komplexen Systemen.
Systemisches Denken basiert auf Annahmen aus der Systemtheorie und dem Konstruktivismus. Die Systemtheorie ist primär eine soziologische Gesellschaftstheorie. Deutungs- und auch Emotionsmuster werden als soziale, milieuspezifische kulturelle Konstrukte interpretiert. Der Konstruktivismus ist eine personale, individualistische Erkenntnistheorie. Vor allem die Neurowissenschaften betonen die individuelle Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit des Wahrnehmens, Denkens und Fühlens.
Systemisches Denken basiert also zum einen auf systemtheoretischen Überlegungen, die Interaktionsprozesse von Systemen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen. Zum anderen auf der konstruktivistischen Annahme, dass Wirklichkeiten immer auch persönliche Interpretationen sind. Beobachtende sind Teil dessen, was sie beobachten. Unterschieden wird zwischen Beobachtung erster Ordnung (Beobachten der Welt) und Beobachtung zweiter Ordnung (sich oder andere beim Beobachten beobachten). Beobachtung zweiter Ordnung berücksichtigt, dass jede Beobachtung abhängig von der beobachtenden Person ist. Beobachtende verwenden ihre subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen als eine Art «innere Landkarte», an der sie sich orientieren. Beobachtung zweiter Ordnung kann die blinden Flecken der beobachteten Beobachtung sichtbar machen, ist aber selbst wieder begrenzt im Erkennen der eigenen blinden Flecken. Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen, was wir nicht sehen.
Beobachtungen lassen sich beschreiben, bewerten und erklären. Beschreibungen, Bewertun- gen und Erklärungen von Systemen sind Merkmale der beobachtenden Person und nicht des Systems selbst. Sie werden als eine mögliche Wirklichkeitskonstruktion in die Kommunikation eingebracht. Dies hat Auswirkungen auf das Verständnis der therapeutischen Rolle.
Die Grundlage für eine gelingende (interprofessionelle) Kommunikation und Kooperation ist der Austausch über Wirklichkeitskonstruktionen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die systemische Konstruktion von Wirklichkeit zirkulär, interdependent, relational, prozesshaft und vorläufig geschieht. Systemisches Denken ist vernetztes Denken. Es erfolgt autopoietisch und selbstreferentiell, aber auch kontextabhängig und situativ. Es ist ebenso biografisch geprägt wie milieuabhängig.