«Viele verschiedene Erfahrungen ergeben ein Ganzes.»

Die beiden Leitenden des IEF-Bereichs «Systemische Psychotherapie» haben gerade ihren ersten gemeinsamen Tag als Dozierende erlebt. Im Gespräch reflektieren Anna Gunsch und Martin Willi ihre Erfahrungen und ihre Grundhaltung zum Lehren und Lernen in der postgradualen Psychotherapieweiterbildung.

 

Martin Willi: Das war ein intensiver Tag und für mich sehr eindrücklich, wie wir beide unser heutiges The- ma der Paartherapie mit vierundzwanzig anderen Persönlichkeiten auf Augenhöhe erarbeiten konnten. Das geht nicht im Sinne von: «Wir sagen jetzt, wie es geht.» Es war vielmehr eine gemeinsame Erarbeitung des Themas Paartherapie. Das macht die Seminare so vielfältig, weil sechsundzwanzig verschiedene Erfahrungen schlussendlich ein Ganzes ergeben. Ich glaube, dass das bei der Entfaltung und Entwicklung der Therapeutenidentität essenziell ist. Wir gehen ganz vom humanistisch systemischen Grundsatz aus: Jeder Mensch verfügt über Ressourcen und über die Fähigkeit zur Weiterentwicklung.

Anna Gunsch: Unsere Lehrveranstaltungen leben davon, dass sich die Teilnehmenden mit ihren verschiedenen Biografien, beruflichen Erfahrungen und Kompetenzen einbringen können. Dieses Begegnen auf Augenhöhe halten wir in der Therapie gegenüber unseren Klientinnen und Klienten sehr hoch. Dieses Prinzip gilt es auch zwischen Studienleitung und Studierenden zu wahren. Wir wollen nicht an einem Ort etwas predigen, das an einem anderen plötzlich keine Gültigkeit mehr besitzt.

Martin Willi: Es ist uns wichtig, dass wir innerhalb unserer Gefässe, von den Modulen «Theorie: Wissen und Können» bis zum Modul «Gruppensupervision», auf die Einzelnen eingehen und ihre individuellen Ressourcen fördern, damit sie ihre eigene Identität als Therapeutin oder Therapeut entwickeln können. Wir wollen ja nicht konforme Therapeuten, sondern wir wollen, dass sie selbst das Beste aus sich herausholen können. Gewährleistet wird dies unter anderem dadurch, dass hier Dozierende unterrichten, die in der Praxis tätig sind. Diese Therapeutinnen und Therapeuten verfügen über sehr viel Erfahrung, sie haben auch Modellcharakter. Der Weiterbildungslehrgang fungiert als Modell dafür, wie systemische Therapie in der Realität, in den Institutionen oder in der freien Praxis stattfindet.

Anna Gunsch: Genau. Da wir mit vielen verschiedenen Therapeuten-Modellen arbeiten, haben die angehenden Therapeutinnen die Chance, sich selbstverantwortlich und selbstorganisierend das herauszunehmen, was ihnen entspricht. Jeder kann für sich entscheiden, was ihm oder ihr an den jeweiligen Dozierenden gefällt und was er oder sie mitnehmen kann, um die persönliche Arbeitsweise und Identität als Therapeut oder Therapeutin zu entwickeln. Wir versuchen, durch individuelle Feedbacks darauf aufmerksam zu machen, wo wir ihre Stärken und Ressourcen sehen. Diese Feedbacks kommen von der Supervision, sie kommen von den Dozierenden und aus den Selbsterfahrungen. Es gibt also viele Rückkoppelungsschleifen, die sichtbar machen, wo sie stehen und wie sie sich bewegen.

Martin Willi: Nun, das entspricht ja auch dem systemischen Ansatz: das herauszunehmen, was anklingt und was für einen selbst passt. In der Therapie zwingen wir unseren Klientinnen und Klienten nicht auf, was sie gerade zu beschäftigen hat, sondern die Menschen bringen ihre Themen, bringen aber auch ihre Lösungsvorschläge, -möglichkeiten und -ideen schon mit. Wir lenken also nicht, sondern leiten höchstens. Diese Art der Selbstorganisation und der Selbstverantwortung, die wir unseren Klientinnen und Klienten in der Therapie zutrauen, trauen wir auch unseren Studierenden zu.

Anna Gunsch: Heute ist mir bei den Teilnehmenden in unserer postgradualen Ausbildung aufgefallen, wie sehr viele von ihnen beruflich und familiär engagiert sind. Viele sind zwischen 30 und 40 Jahre alt, stehen mitten im beruflichen Alltag und einige sind daran, eine Familie zu gründen. Davon profitiert wiederum unsere Weiterbildung, dass Menschen mit so vielfältigen Lebenserfahrungen zusammenkommen.

Martin Willi: Genau, dieser Lebenserfahrung und der Tatsache, dass jede und jeder an einem eigenen Punkt im Leben steht, wollen wir Rechnung tragen und unseren Studierenden als selbstverantwortlichen Menschen begegnen bzw. ihre Selbstverantwortung auch fördern.

Anna Gunsch: Das zeigt sich auch darin, wie die Teilnehmenden das, was sie in einem Seminar erfahren haben, bearbeiten und verarbeiten. Es gibt am Schluss der Weiterbildung keine Prüfung im engeren Sinne, sondern wir arbeiten mit einem Lerntagebuch und einem Portfolio. So kann viel Eigenes einfliessen, es können eigene Schwerpunkte gesetzt werden. So ergibt sich eine grosse Diversität und ein ungeahnter Reichtum in den Präsentationen der Abschlusskolloquien. Zudem versteht sich das IEF ja als selbstorganisierende Organisation. Das ist auch eine Herausforderung; Selbstorganisation bedeutet Aufwand – ein Lerntagebuch zu führen und ein Portfolio zu schreiben, ist aufwendig – und bringt ganz viele Vorteile.

Martin Willi: Genau, der Lerneffekt ist viel grösser. Und jeder hat wiederum – auch durch den Praxisbezug – die Möglichkeit, die eigenen Ressourcen zu entfalten. Indem die Studierenden immer wieder an ihre eigene Lebenswelt anknüpfen, lernen sie nicht frei flotierendes Wissen, wie das vielleicht an einer Universität der Fall ist, sondern ein Wissen, das synthesefähig und integrierbar ist. Wichtig ist die Synthese von Theorie, Supervision und Selbsterfahrung.

Anna Gunsch: Es geht auch um den Dialog, der entsteht, wenn man ein Thema gemeinsam erarbeitet. Die Teilnehmenden können in den Seminaren mitentscheiden, ob sie mehr Praxis, mehr Übungen wollen, und sie geben Feedback, in welchen Situationen sie Schwierigkeiten erleben. Zur Philosophie des IEF gehört immer auch die Augenhöhe zwischen Dozierenden und Teilnehmenden, die gemeinsam daran arbeiten, ein Seminar zu gestalten. Diese Augenhöhe kann die fachlichen und persönlichen Ressourcen der Teilnehmenden hervorragend unterstützen und fördern.

Martin Willi: Du meinst also, dass die Atmosphäre hier im Haus und im Weiterbildungslehrgang geprägt ist von Wertschätzung und Anerkennung. Wir setzen die Fähigkeit zur Problemlösung, zur Entscheidung und zum autonomen Verhalten voraus. So lernen sie in unserem Lehrgang, was sie später als Therapeutin oder Therapeut auch leben. Die Teilnehmenden konnten nach eigenen Interessen Schwergewichte legen und wurden angehalten, selbst Entscheidungen zu treffen.

Anna Gunsch: Und es funktioniert. Wir gehen davon aus, dass die Studierenden die heutigen Erfahrungen schon morgen in ihr berufliches Schaffen integrieren können.

 

Das Gespräch zwischen Anna Gunsch und Martin Willi wurde publiziert im IEF-Magazin Nr. 8, Frühjahr 2019.