«Wir ermöglichen, dass Eltern nicht das weitergeben, worunter sie als Kind selbst gelitten haben.»

Was zeichnet das «systemische Elterncoaching» aus? Was versteckt sich hinter dem Begriff «Marte Meo»? Marianne Egloff leuchtet im Gespräch mit der Supervisorin und Familienbegleiterin Christine Kellermüller verschiedene Facetten der Familien- und Elternarbeit aus.


Wir sprechen von Familienarbeit, Elterncoaching, Eltern- oder Erziehungsberatung, Familienbegleitung, Kindswohlabklärung,
das ist ein recht undurchsichtiger Dschungel an Begrifflichkeiten, oder?


Die vielen verschiedenen Beratungsangebote sind aus meiner Sicht Ausdruck davon, wie verunsichernd es sein kann, in unserer heutigen Welt Kinder aufzuziehen. Gleichzeitig kann das auch als Ausdruck dafür verstanden werden, wie ernst Eltern und Fachleute die Bedürfnisse der Kinder nehmen und welchen Stellenwert heute ein gutes Aufwachsen sowie eine gute Entwicklung einnehmen. Die unterschiedlichen Begrifflichkeiten benennen eine je nach Kontext oder beruflichem Auftrag unterschiedliche Beratungsarbeit mit Eltern. Das Grundsätzliche bleibt jedoch gleich: Eltern sollen in ihren elterlichen Kompetenzen gestärkt und die kindliche Entwicklung damit genügend gut unterstützt werden. Die Beratungsarbeit wird von der Herausforderung geprägt, wie wir Veränderung möglichst nachhaltig anstossen können.

Als junge Frau arbeitete ich mehrere Jahre als Psychomotorik-Therapeutin. Ich setzte mich also im heilpädagogisch-therapeutischen Setting für das Kind mit seinen etwas besonderen Bedürfnissen ein. Die Elternberatung war damals wie heute ein integrierter Bestandteil des Auftrags. Heute als Supervisorin von Fachleuten in diesem Bereich realisiere ich, dass die Fragen ähnlich geblieben sind und mich nach wie vor intensiv beschäftigen, manchmal auch «Bauchschmerzen» verursachen, zum Beispiel wenn ich realisiere, dass Eltern nur noch das Negative oder die Mängel ihres Kindes wahrnehmen, die Beziehung somit nachhaltig gestört ist und beide, Eltern und Kind, darunter leiden. Die eine therapeutische Stunde pro Woche ist dann zwar nach wie vor für das Kind ein wichtiger, stärkender Ort, für seine weitere Entwicklung ist es aber entscheidend, ob darüber hinaus die Eltern Impulse annehmen und auch umsetzen können.

Bedeutet das, dass sich nur etwas verändern kann, wenn die Eltern es wollen?

Ja, das ist so. Es gibt aber auch viele Eltern, die freiwillig, von sich aus und gerne Unterstützung annehmen. Diese Eltern wenden sich an Fachleute oder suchen von sich aus Hilfe bei den Erziehungsberatungsstellen, weil sie unter den Schwierigkeiten zu Hause leiden. Es sind dies vermehrt auch verunsicherte Eltern, die es sehr gut machen wollen und plötzlich vor Erziehungsaufgaben stehen, die sie überfordern.

In letzter Zeit beschäftigt mich das Thema der verschobenen Hierarchien und damit der dominanten Kinder. Eltern, die dem Kind auf Augenhöhe begegnen möchten, die Bedürfnisse des Kindes sehr ernst nehmen und dabei ihren eigenen Raum immer mehr verlieren. Sie verlieren ihren Raum als Paar und jeder für sich den eigenen Persönlichkeitsraum. Das Kind erfährt dadurch: Die Welt dreht sich um mich! Es beginnt zu dominieren, erträgt wenig Frust und ist doch eigentlich zutiefst verunsichert.

Ich beobachte genau, wie und ob im Familienalltag eine Balance zwischen positivem Leiten und dem Folgen der kindlichen Initiativen besteht. Eltern, die sehr hohe Ansprüche an ihre Erziehungsfähigkeit haben und an diesen Ansprüchen fast zerbrechen, kann ich in der Beratung darin unterstützen und stärken, klar und positiv zu leiten. Im Wissen darum, dass das Kind ein reales Gegenüber mit Fehlern und Schwächen braucht. Nur so erhält es die Möglichkeit, Empathie und Gefühlsregulation zu Hause zu üben.

Die selbst gewählte Beratung ist das eine, doch wie kann man arbeiten, wenn eine von aussen angestossene oder verordnete Familienbegleitung stattfinden sollte?

Viele Eltern werden von aussen «angestossen», sei dies von der Kindertagesstätte, der Schule oder von der Kinderschutzbehörde. Es sind diese Eltern, die uns alle herausfordern, die oftmals im «Kampfmodus» sind, dies aus ihrem Leben auch bestens kennen und darin stark sind. Die Begleitung dieser Eltern ist die kräftezehrende, herausfordernde Aufgabe, die uns Fachleuten manchmal den Schlaf raubt und oft viele unterschiedliche Fachleute gleichzeitig beschäftigt. Bevor ich mich als sozialpädagogische Familienbegleiterin selbstständig gemacht habe, arbeitete ich einige Jahre in einem Mutter-Kind-Haus. Dies war eine sehr lehrreiche Zeit für mich, weil ich meine Erziehungsgrundsätze und -haltungen überdenken musste. Hier stand die Frage im Zentrum, was ist gerade noch gut genug für das Kind, damit es sich entwickeln kann? Ich habe mit vielen Müttern gearbeitet, deren elterliche Kompetenzen vom Überlebenskampf, von eigenen Problemen oder psychischen Krankheiten zugedeckt waren.

Alle diese Mütter wollen gute Mütter sein, doch nicht alle haben die Fähigkeit, die Bedürfnisse des Kindes ohne unterstützende Hilfe wahrzunehmen. Eine Mutter mit einer sehr belasteten Biografie schrieb mir einmal während des Familienbegleitungsprozesses: «Als ich meine Tochter das erste Mal im Arm hielt, spürte ich zum ersten Mal Frieden. Sie ist mein grösstes Geschenk. Danke, dass Sie mich immer wieder daran erinnern.» In den Filmausschnitten aus ihrem Alltag konnte sie ihre Tochter wahrnehmen und ausserhalb des Alltagstrubels sehen. Dieser oben zitierte Satz war für mich in der Begleitung zentral und eine grosse Motivation dranzubleiben. Mit der Familienarbeit ermöglichen wir, dass Eltern nicht das Gleiche weitergeben, worunter sie als Kind selbst gelitten haben. Sie erfahren, dass Veränderung möglich ist, dass Muster durchbrochen werden können.

Das klingt sehr komplex. Was muss eine aufsuchende Familienbegleiterin alles können? Wie gelingt es ihr, die Eltern ins Boot zu holen?

Um solche Eltern zu begleiten, braucht es eine hohe Sozialkompetenz und eine ausgeprägte Reflexionsfähigkeit. Wie in allen Beratungsbereichen ist ein ehrliches Interesse für die unterschiedlichsten Menschen wesentlich. Wichtig ist die Bereitschaft, diesen Menschen wertschätzend zu begegnen, und der Versuch, ihr Handeln zu verstehen. Sicher braucht es auch eine Palette an Werkzeugen, an methodischem Vorgehen und eine grosse Flexibilität darin, wann mit welcher Methode gearbeitet werden kann. Die grösste Herausforderung war für mich jedoch, die Spannung in den Kinderschutzfällen auszuhalten. Die Eltern entwickelten sich manchmal nicht schnell oder nachhaltig genug, sodass das Kind trotz allem Bemühen nicht genügend geschützt war. Dies zeigt dann schmerzhaft die Grenzen der Beratung auf. Lernen, dies zu sehen und auch zu akzeptieren, ist nicht einfach, doch eine wichtige beraterische Kompetenz in diesen komplexen Familiensystemen.

Du warst sowohl in der aufsuchenden Familienarbeit wie auch in der Elternberatung tätig. Welches sind Vor- und Nachteile der verschiedenen Formen?

Leider wird über die aufsuchende Familienbegleitung manchmal etwas despektierlich gesprochen. Es ist eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, denn es braucht ein sehr feines Gespür, um mit Menschen in ihrem eigenen Zuhause zu arbeiten. Es ist eine Gratwanderung zwischen Distanz wahren und Nähe zulassen. Eine grosse Chance besteht darin, dass die Interaktionen in der Familie vor Ort beobachtet werden können. Kommen die Eltern zum Coaching in eine Praxis, so erhalten sie einen neutralen Raum, indem sie sich eher von ihrem Alltagsleben distanzieren, einen Moment aus dem Alltagstrubel aussteigen und ihre Gedanken sortieren können. Beide Formen haben ihre spezifischen Stärken.

Am IEF unterrichtest du die Marte-Meo-Methodik. Bitte erkläre kurz, was wir uns darunter vorstellen können.

Die Marte-Meo-Therapeutin arbeitet mit Videosequenzen aus dem Alltag einer Familie und nutzt diese für die Beratung. Ein zentraler Leitgedanke ist dabei, dass nach den Ressourcen der Familienmitglieder gesucht wird, nach entwicklungsfördernden Interaktionsmomenten. Genauso wichtig ist aber, dass wir so die Interaktionen genau analysieren können. Wir lenken den Blick auf kleinste Mikroereignisse, erkennen, was noch nicht entwickelt ist und welche Unterstützung das Kind braucht oder bräuchte. Orientierung gibt uns dabei das intuitive Elternverhalten, welches wir als Grundmuster zur Verfügung haben, falls es nicht zugedeckt ist von Stress, Überforderung oder mangelnden eigenen, inneren Strukturen. An diesen grundlegenden Mustern von elterlichen Grundkompetenzen versuchen wir anzuknüpfen.

Es ist also keine Methode, die auf der Verhaltensebene Rezepte gibt, sondern eher eine Möglichkeit, gemeinsam den Blick auf die Alltagsrealität zu lenken. Eine Mutter gab mir einmal folgende Rückmeldung: «Sie haben mir nicht gesagt, was das richtige Erziehungsverhalten ist, doch Sie haben mir gezeigt, wie ich mit meinem Kind wieder in Kontakt kommen kann. So fühlte ich mich als Mutter gestärkt.» In der Beratung geben uns die sorgfältig ausgewählten Filmausschnitte die Möglichkeit, gemeinsam auf kleinste Momente des Gelingens zu achten, die oft nicht bewusst sind und leicht verloren gehen können. Dort anzusetzen, hilft, aus der Negativspirale auszubrechen, und es ermutigt die Eltern, in den Veränderungsprozess einzusteigen.

Wie setzt du Marte Meo ein? Was gefällt dir daran?

Die Faszination war sofort da, als ich vor über 10 Jahren diese Methode von Maria Aarts, der Begründerin von Marte Meo, am IEF kennenlernte. Ich begann in meinen Familienbegleitungen Erfahrungen zu sammeln. Die direkten emotionalen Reaktionen der Eltern auf die gezeigten Bilder ermutigten mich, diese Methodik vermehrt anzuwenden. Schnell erhielt ich die Chance, in die Lehre einzusteigen; ich gebe Ausbildungskurse und begleite Projekte in verschiedenen Institutionen. So konnte ich zum Beispiel Mitarbeitende einer Mutter-Kind-Institution ausbilden. Die meist jungen Mütter werden mit Filmsequenzen darin unterstützt, eine gute Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Der in der Bindungstheorie wichtige Aspekt der elterlichen Feinfühligkeit und stimmigen Responsivität auf die Initiativen des Kindes kann mithilfe von Filmaufnahmen erkannt und geübt werden. Es wird sichtbar, ob die Mutter die Signale des Kindes lesen kann.

Lässt sich Marte Meo auch in andern Kontexten einsetzen?

Marte Meo lässt sich überall dort einsetzen, wo Menschen miteinander interagieren, so auch in Institutionen für Menschen mit Beeinträchtigungen oder auch im Altersbereich. Ich selber setze die Methode auch in der Supervision und Ausbildung von Fachleuten ein. Die Arbeit mit Filmmaterial gibt enorme Reflexionsmöglichkeiten. Ich möchte da noch auf ein weiteres mir wichtiges Projekt hinweisen: In der schulergänzenden Betreuung der Stadt Winterthur können sich die Mitarbeiterinnen in Marte Meo ausbilden lassen. Sie filmen sich in der Interaktion mit den Kindern. Dabei lernen sie einiges über sich und bekommen die Möglichkeit, zu erkennen, welche kooperativen Momente ein Kind zeigt. Sie können sich so über die eigene Schulter schauen, für einen Moment aus der Negativspirale austreten und gerade im Umgang mit sehr herausfordernden Kindern sehen, was dennoch gelingt. Dies ist ein Innehalten in einem sehr anspruchsvollen Arbeitsumfeld und eine gute Form der Qualitätssicherung.

Es ist also wichtig, dass du zusammen mit Eltern genauer hinschaust. So haben sie die Gelegenheit, sich selber besser kennenzulernen. Das ist wirksamer, als wenn du sie belehrst. Was hat dich zu dieser Haltung geführt?

Meine Beratungshaltung ist geprägt von den systemischen Grundgedanken und Sichtweisen. Ich versuche zu verstehen und zu erfassen, wie die Wirklichkeit meines Gegenübers aussieht und welche Ressourcen sich zeigen. Ich gehe nicht davon aus, dass ich die Lösung für seine Probleme kenne. Im Prozess versuche ich, kleinste Schritte von Veränderungen zu erkennen. Mit Marte Meo haben wir die Möglichkeit, diese kleinsten Veränderungsschritte sichtbar zu machen. Ich bin aber auch überzeugt davon, dass wir nicht immer genau wissen, was in der Beratung wirkt. Ein Schlüsselerlebnis aus meiner früheren Beratungszeit ist die Arbeit mit einer Jugendlichen, die oft die Schule verweigerte, mit der Mutter lebte und heftige Konflikte mit ihr hatte. Nach drei Monaten endete die Beratung, weil sie in einen anderen Kanton gezogen sind. Ich war frustriert und hatte das Gefühl, wirklich nichts erreicht zu haben. Nach einem Jahr meldete sie sich bei mir mit einer SMS. Sie möchte sich bei mir bedanken und mir sagen, dass sie eine Lehrstelle gefunden habe. Diese Nachricht berührte mich und machte mich nachdenklich. War es meine Haltung ihr gegenüber, die doch eine Wirkung hatte, die einen Samen legte? Es sind vermutlich die einfachen Beratungskompetenzen, das Gegenüber ernst zu nehmen, wertzuschätzen, zuzuhören und gemeinsam trotz Widrigkeiten mit etwas Hoffnung in die Zukunft zu schauen.

Diese Grundhaltung vermittelst du auch als Dozentin am IEF. Welche weiteren Aspekte sind dir wichtig?

In den Ausbildungen ist es mir wichtig, einen Raum zu schaffen, um miteinander und auch voneinander lernen zu können. Am IEF schätze ich die interdisziplinären Gruppen. Unterschiedliche Berufsgruppen profitieren voneinander – die heilpädagogische Früherzieherin vom Sozialpädagogen, der Leiter einer Kindertagesstätte von der Psychologin – wenn wir es ermöglichen, dass die verschiedenen Sichtweisen einfliessen können. In den Marte-Meo-Kursen besteht zusätzlich die Möglichkeit, durch die Arbeit mit Filmmaterial konkret Einblick in andere Berufswelten zu erhalten. Eine Teilnehmerin meinte, das sei gleichzeitig Ausbildung, Supervision und Intervision. Die Angebote im Elterncoaching-Lehrgang ermöglichen spannende Einblicke in verschiedene Methoden und bieten konkrete Anregungen für das praktische Arbeiten. Es ist mir sehr wichtig, Theorie und Praxis eng zu verknüpfen und Eigenerfahrung zu ermöglichen – gerade in unserer meiner Meinung nach etwas stark theorieorientierten Zeit.

Wieder zurück zur Elternarbeit. Was rätst du Eltern ganz allgemein?

Wenn ich jetzt ganz plakativ und einfach antworten darf: Es geht nicht um bestimmte Techniken. Es geht vielmehr darum, in die Beziehung mit euren Kindern zu treten. Lasst eure Intuition zum Zug kommen und stellt nicht zu viele Regeln auf. Bleibt mit den Kindern im Gespräch und lest die Signale, die sie aussenden! Seid mutig unvollkommen und geniesst immer wieder Momente mit ihnen. Achtet respektvoll auf eure eigenen Grenzen und die Grenzen der Kinder.

Christine, herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Das Gespräch mit Christine Kellermüller ist publiziert im IEF-Magazin Nr. 6, Frühling 2018.